56. Grimme-Preis 2020

Spezial für das Konzept einer europäischen Erzählung in Eden

 

(Atlantique Productions/Port au Prince/Lupa Film für SWR/ARTE/ARTE France/Degeto)

 

Grimme-Preis Spezial an

 

Constantin Lieb (Buch), Dominik Moll (Buch/Regie), Felix von Boehm und Jan Krüger (Produktion)

 

Erstveröffentlichung: ARTE Mediathek, Donnerstag, 25. April 2019

Sendelänge: je 45 Min.

 

Begründung der Jury

Ein Schlauchboot mit Flüchtenden landet am Strand einer griechischen Insel, die Menschen springen getrieben von Deck, im Sand liegt eine deutsche Familie und leckt an ihren Eistüten. Das ist das starke Eingangsszenario, aus dem die Schöpfer von „Eden“ ihr großes europäisches Panorama über Flucht und Vertreibung, aber auch über die Versuche der Hilfe und die Ökonomisierung des Humanitären entwickelt.

Einem guten Dutzend Figuren folgen wir über den gesamten Kontinent: etwa dem afrikanischen Jungen Amare, der auf der Flucht den Bruder verliert und sich nun alleine nach Großbritannien durchzuschlagen versucht. Oder der Betreiberin einer Geflüchtetenunterkunft Hélène, die Kapitalgeber für ihr Geschäft sucht. Oder der gut situierten deutschen Kleinfamilie, die den syrischen Geflüchteten Bassam bei sich im Souterrain des Eigenheims aufnimmt, ohne dem Traumatisierten wirklich nahe kommen zu können.

Die deutsch-französische Koproduktion „Eden“, gedreht in einem halben Dutzend Ländern und Sprachen, versucht allen Schicksalen und allen Beteiligten gerecht zu werden und ihre Lebenswege zusammenzubringen. Sie zeigt uns, wie die Ströme von Angst und Sehnsucht, aber auch von Geld und Moral, die scheinbar aneinander vorbeifließen, einander beeinflussen oder bedingen. Europa im 360-Grad-Schwenk, Europa von oben und unten.

Es braucht Mut, sich nicht auf zwei oder drei Stränge und Perspektiven zu konzentrieren, sondern sich der komplexen Realität mit unterschiedlichsten Figuren zu nähern. Die Jury freut sich sehr, dass „Eden“ genau dies gewagt hat. Allerdings gibt es durchaus Szenen und Vereinfachungen in „Eden“, über die kritisch diskutiert wurde. Aber wie es den Verantwortlichen gelingt, über 270 Minuten und etliche Ländergrenzen hinweg viele Facetten dieses großen Themas unserer Zeit aufzumachen und zu verknüpfen, das hat die Jury nachhaltig beeindruckt.

Autor Constantin Lieb und Autor und Regisseur Dominik Moll sowie die Produzenten Felix von Boehm und Jan Krüger zeigen mit „Eden“ ein vielschichtiges Bild aus Hoffnung, Verzweiflung, Unsicherheit und der Gewissheit, dass es bloß Zufall ist, auf welcher Seite einer Grenze man geboren wurde. Damit ist die Serie auch ein exzellentes Beispiel dafür, wie deutsches Fernseherzählen in der Gegenwart funktionieren sollte: als großes Projekt, dass die sozialen Spaltungsprozesse und neuen Abschottungen auf dem Kontinent klug thematisiert, sie aber in der Produktion spielerisch und einfallsreich überwindet. Das deutsche Fernsehen der Zukunft, das ist die feste Überzeugung der Jury, kann nur ein europäisches sein.

 
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