56. Grimme-Preis 2020

Der König von Köln (Zeitsprung Pictures/Dreamtool Entertainment für WDR)

 

Publikumspreis an

 

Ralf Husmann (Buch)

Richard Huber (Regie)

Judith Engel (Darstellung)

Serkan Kaya (Darstellung)

Joachim Król (Darstellung)

 

Produktion: Zeitsprung Pictures / Dreamtool Entertainment

Erstausstrahlung: Das Erste, Mittwoch, 11. Dezember 2019, 20.15 Uhr

Sendelänge: 90 Min.

 

Inhalt

Der Kölsche Klüngel fliegt auf. Polizeibeamte fahren am Golfplatz vor, um den Kopf eines Bau- und Finanzimperiums abzugreifen. Ab hier folgt eine Rückblende. Es beginnt, wie vieles in Köln, im Karneval – mit einem Kölsch in der Hand und einem scheinbar kleinen Gefallen. Familienvater und Baudezernent Andrea di Carlo braucht eine Baugenehmigung für den Anbau an seinem denkmalgeschützten Haus. Dazu muss er nur auf die richtigen Karnevalisten treffen, zum Beispiel seinen Vorgesetzten Lothar Stüssgen. Der vermittelt ihn am Tresen gleich weiter an die passenden Ansprechpartner wie Bauunternehmer Josef Asch. Mann kennt sich.

Durch die Unterstützung der beiden wird Di Carlo zu Stüssgens Stellvertreter und nach dem Herzinfakt von Stüssgen während eines Puffbesuchs sein kommissarischer Vertreter. Asch sieht seine Chance: Er braucht Di Carlo, da er ein Gebäude für die Stadtverwaltung bauen und teuer an die Stadt vermieten will, außerdem plant er die Immobilien der gutgläubigen Erbin einer Kaufhauskette aufzukaufen. Di Carlo spielt mit und profitiert – die Pläne gehen auf. Doch Staatsanwältin Alina Behrens durchschaut die „Echte Fründe stonn zesamme“-Mentalität vom Baugewerbe bis in die Kölner Staatsanwaltschaft.

 

Stab

Buch: Ralf Husmann – nach einer Idee von Michael Souvignier

Regie: Richard Huber

Kamera: Robert Berghoff

Schnitt: Knut Hake

Ton: Volker Henkels

Musik: Joachim Dürbeck, René Dohmen

Darstellung: Rainer Bock, Serkan Kaya, Joachim Król, Jörg Hartmann, Judith Engel, Eva Meckbach, Ernst Stötzner, Ulrich Brandhoff, Katrin Röver, Ernst Stötzner, Felix Vörtler, Jörn Hentschel, Doris Plenert, Vico Magno u.v.m.

Redaktion: Nina Klamroth

 

Begründung der Jury

„Da, […] wo man die knallharte Gesellschaftskritik in weichen Polstersesseln auffängt, wo man das im Halse steckengebliebene Lachen in der Pause mit Champagner herunterspült, an solchen Orten, da lässt man sich die Kritik am eigenen Lebenswandel genauso folgenlos um die Ohren schlagen wie in der Kirche“ – so Volker Pispers über das politische Kabarett.

In diesem Sinne ist der Film „Der König von Köln“ bestes politisches Kabarett, für das sich die Publikumsjury der Marler Gruppe entschieden hat.

Das Buch von Ralf Husmann, das die Wirklichkeit des Oppenheim-Esch-Skandals unverkennbar mitgeschrieben hat, ist mitreißend. Die gelungene Gesamtkomposition ¬ von der Musik über den Text („Politik heißt, alles so lange im Ungefähren zu halten, bis es nicht mehr zu ändern ist“) bis zum Zusammenspiel der Charaktere nimmt die Zuschauer*innen intellektuell und emotional mit. Die Drahtzieher der Geschichte und ihre temporären Antagonisten sind vom Regisseur Richard Huber wundervoll überzeugend in Szene gesetzt.

Dass in diesem Film weibliche Figuren keine exponierte Rolle spielen, liegt wahrscheinlich in der Natur des Sujets, ist solch selbstverständliche Eine-Hand-wäscht-die-andere-Korruption doch vorwiegend das Betätigungsfeld älterer weißer Männer. Insofern sind die Filmfiguren, z.B. Joachim Król als jovial-zotiger Baudezernent Stüssgen, nur bedingt satirisch überspitzt: Die „Poliere“, die „Josef Aschs“, gegen die ein kommunaler „Stüssgen“ oder „Di Mauro“ nicht ankommen, sind vielleicht vor allem, aber nicht nur in Köln allgegenwärtig. Herausragend auch die Darstellung der Valerie Dickeschanz durch Judith Engel.

Die Musik, insbesondere die Passgenauigkeit zwischen den Szenen und die Fazit ziehenden, kölschen Lieder, sorgt dafür, dass das Schmunzeln über die Einzelszenen zum im Halse steckenbleibenden Lachen anschwillt. Großartig auch der Bogen, der vom Beginn des Films („Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?“) bis zum Ende („Für die enormen entstandenen Kosten kommt wie immer der Steuerzahler auf“) geschlagen wird.

„Wenn dann irgendwann einmal nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus […] jemand zu Ihnen kommt und sagt, na was hatten Sie denn für eine Funktion in dem Ausbeutersystem. Dann sagen Sie, ‚Halt Moment', holen den großen Karton mit den Kabaretteintrittskarten raus und sagen: ‚Hier, ich war im Widerstand!’“ – so Pispers über das Publikum des politischen Kabaretts. Gilt dies vielleicht auch für die Zuschauer*innen des Films „Der König von Köln“? Nicht nur angesichts anstehender Kommunalwahlen, sondern auch im Hinblick auf aktuelle politische Entwicklungen hofft die Publikumsjury auf mehr Widerstand.

 
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