56. Grimme-Preis 2020

Wie "Holocaust" ins Fernsehen kam (Hanfgarn & Ufer für WDR/NDR/SWR)

Grimme-Preis an

 

Alice Agneskirchner (Buch/Regie)

 

Produktion: Hanfgarn & Ufer in Koproduktion mit Alice Agneskirchner Filmproduktion

Erstausstrahlung: WDR, Mittwoch, 20. November 2019, 23.25 Uhr

Sendelänge: 90 Min.

 

Inhalt

1979 kommt unter großen Schwierigkeiten eine vierteilige US-Serie über den Genozid an den Juden, verübt von den Deutschen, ins deutsche Fernsehen und damit der Holocaust ins kollektive Bewusstsein der Bundesrepublik. „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ schildert das Schicksal einer jüdischen Familie im Dritten Reich von den frühen Jahren der Entrechtung bis zum Tod in der Gaskammer. Parallel wird der Weg eines ganz normalen Deutschen hin zum Massenmörder gezeigt. Alice Agneskirchner beschreibt in ihrem Dokumentarfilm die Produktions-, Ausstrahlungs- und Rezeptionsgeschichte der Serie und legt dabei dasHauptaugenmerk auf die Schwierigkeiten, die der WDR und insbesondere dessen damaliger Fernsehspielchef Günter Rohrbach hatten, die Serie in Deutschland zur Ausstrahlung zu bringen, sowie auf die Reaktionen der Zuschauer, die alle Erwartungen übertrafen. Regisseur Marvin J. Chomsky und Produzent Robert Berger, beide jüdischer Abstammung, erinnern sich an die besondere, oft beklemmende Atmosphäre bei den Dreharbeiten. Die Darstellerinnen von Mutter und Tochter Weiss, Rosemary Harris und Blanche Baker, begegnen sich nach der Drehzeit zum ersten Mal wieder und schildern, welche Bedeutung die Arbeit für sie gehabt hat. Andere Schauspieler kehren zurück an Drehorte, an denen furchtbare Ereignisse aufgenommen wurden und an denen zuvor Furchtbares geschehen war, wie in der Gaskammer des früheren Konzentrationslagers Mauthausen.

 

Stab

Buch: Alice Agneskirchner

Regie: Alice Agneskirchner

Kamera: Ralf Ilgenfritz

Schnitt: Viola Rusche

Ton: Ulla Kösterke                                         

Sprecherin: Nadja Schulz-Berlinghoff

Redaktion: Beate Schlanstein (WDR), Christoph Mestmacher (NDR), Gabriele Trost (SWR)

 

Begründung der Jury

Alice Agneskirchner hat zahlreiche Protagonist*innen dazu gebracht, Auskunft zu geben, hat manchen von ihnen in einen mitunter schmerzhaften Erinnerungsprozess geführt und sensibel begleitet. Die umfangreiche Archivrecherche verhalf aufschlussreichen Quellen ans Licht, die mit den anderen inhaltlichen und gestalterischen Ebenen des Films, darunter zahlreiche Ausschnitte aus der Serie, auf kluge Weise zu einer überzeugenden und eindringlichen Erzählung über eines der wichtigsten Medienereignisse der späten 1970er Jahre montiert wurde, ohne die Problematik der Fiktionalisierung des Holocaust ganz außer Acht zu lassen.  

„Holocaust“, obgleich von einer New Yorker Firma für die NBC produziert, wurde vielfach als Hollywood-Produktion bezeichnet, womit in der Regel kritisch auf die eingesetzten Mittel des klassischen Überwältigungskinos hingewiesen werden sollte. Interessanterweise lässt Agneskirchner auch in ihrem Dokumentarfilm Formen von Überwältigung als Mittel erkennbar werden, beispielsweise im Zusammentreffen der Fiktion der Vernichtung und der Realität der Vernichtung am Ort der Vernichtung in der Gaskammer von Mauthausen, im schmerzvollen Erinnern ihrer Protagonis*innen, im Erahnen eines unfassbaren Maßes an Verdrängung. 

Auf instruktive Weise ist es Alice Agneskirchner gelungen, der Vielschichtigkeit der Serie als fiktionales Produkt, ihrer Ausstrahlung als Medienereignis und deren Wirkung als eine Art Quantensprung in der Bewusstseinswerdung des Holocaust in der bundesdeutschen Gesellschaft gerecht zu werden und alle diese Aspekte in ihrer Komplexität darzustellen und zu vermitteln. Spätestens vor dem Hintergrund, dass etwa zwanzig Millionen Zuschauer, also rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung der Bundesrepublik, mindestens eine Folge der Serie sahen, wird mit Agneskirchners  Beschreibung der lebensgeschichtlichen Dimension, die die Serie für Beteiligte und Zuschauer hatte, auch deren mentalitätsgeschichtliche Dimension offengelegt.

 
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