56. Grimme-Preis 2020

Hanne (PROVOBIS für NDR/ARTE)

Grimme-Preis an

 

Beate Langmaack (Buch)

Dominik Graf (Regie)

Iris Berben (Darstellung)

 

Produktion: PROVOBIS für NDR/ARTE

Erstausstrahlung: ARTE, Freitag, 07. Juni 2019, 20.15 Uhr

Sendelänge: 90 Min.

 

Inhalt

Hanne (Iris Berben) absolviert stoisch den letzten Arbeitstag vor dem Ruhestand und fährt übers Wochenende in eine Klinik, um sich die Krampfadern ziehen zu lassen. Doch etwas stimmt mit ihren Blutwerten nicht, es kann harmlos sein – oder Leukämie. Es beginnen zwei Tage des Wartens auf Gewissheit. Hanne versucht, sich in der fremden Stadt abzulenken. Im Restaurant lernt sie die verrückte, warmherzige Ulli (Petra Kleinert) kennen. Sie machen die Nacht durch, werden Freundinnen. Am nächsten Tag trifft Hanne einen früheren Liebhaber, der hoch erfreut ist, sie aber mit einer anderen Frau verwechselt. Trotzdem verbringt Hanne die Nacht mit ihm. Dann erfährt sie von ihrem Sohn, dass sie Großmutter wird. Sie erzählt ihm nichts von ihrer Angst, die Geburt nicht mehr zu erleben; er bittet sie, eine Wochenbettsuppe zu kochen. Hanne hält das Warten nicht mehr aus und platzt bei ihrem Arzt zu Hause in einen Kindergeburtstag. Verstört und ohne neue Erkenntnis läuft sie davon und landet durchnässt auf dem Hof der lauten, kinderreichen Familie Kruse. Von der Oma (Jutta Wachowiak) bekommt sie ein Huhn und das Rezept für eine Wochenbettsuppe, die sie in der Nacht in der Hotelküche kocht. Schließlich geht sie zur Klinik, um ihre Diagnose zu erfahren.

 

Stab

Buch: Beate Langmaack

Regie: Dominik Graf

Kamera: Michael Wiesweg

Schnitt: Claudia Wolscht

Ton: Andreas Mücke Niesytka

Musik: Florian Van Volxem, Sven Rossenbach

Darstellung: Iris Berben, Petra Kleinert, Herbert Knaup, Mohamed Achour, Sophie Lutz, Trystan Pütter, Luise Aschenbrenner, Sönke Möhring, Oliver Reinhard, Brian Völkner, Jörg Gudzuhn, Eva Kryll, Ursula Andermatt, Anja Schiffel, Jutta Wachowiak, Barbara Krabbe, Thilo Prothmann, Jaron Löwenberg, Veronika Hertlein u.a.

Redaktion: Christian Granderath (NDR), Sabine Holtgreve (NDR), Andreas Schreitmüller (ARTE)

 

Begründung der Jury

Im Fernsehfilm kommen Frauen über 60 kaum vor, und wenn doch, dann als Klischee? „Hanne“ liefert den seltenen Gegenbeweis. Und der fällt in einer formidablen Zusammenarbeit von Schauspielerin Iris Berben, Drehbuchautorin Beate Langmaack und Regisseur Dominik Graf so ernsthaft wie verspielt aus, so leichtfüßig wie abgründig, so stürmisch wie warmherzig.

Was zählt noch, wenn alles in Frage steht? Das wird hier verhandelt. Die Antwort: Es zählt, was das Leben uns anbietet. Und deshalb erzählt „Hanne“ auch vom Aufbruch einer Frau aus allen gewohnten Rollen hinein in die plötzlich wieder völlig unbekannte Welt.

Schon allein indem Beate Langmaack den Film in Episoden unterteilt hat, eröffnet sie ein Spiel, dem man hingerissen folgt. „Hanne“ setzt einen ganz besonderen Ton, weil der Film durch seine Kapitelüberschriften eine formale Struktur vorgibt. Solche Experimentierfreude ist sehr selten geworden im Fernsehen. Zudem hat die Form eine inhaltliche Funktion. Sie hält den Film in fester Ordnung. So bleibt eine gewisse Distanz zu Hanne, die Distanz des Beobachtens.

Unter Überschriften wie „Einem Arzt zuhören“, „Einen Kater loswerden“ oder „Eine Suppe auslöffeln“ erzählen die Episoden von einer Frau, die auf sich selbst zurückgeworfen ist und in einem Zustand zwischen Furcht und Hoffnung balanciert: unerwartet eine Freundschaft schließt und zu viel trinkt, einen Liebhaber trifft und wieder geht, erfährt, dass sie Großmutter wird, aber nicht weiß, ob sie es erleben wird. Regisseur Dominik Graf inszeniert die rätselhaft heitere Geschichte einer Frau, die sich selber gut kennt und das Warten auf die Diagnose mit radikal auf den Augenblick bezogenen Handlungen überbrückt.

Wie in einem Reigen folgt eine Geschichte auf die andere – kleine Begebenheiten, improvisierte Tage im Angesicht der Endlichkeit. In diesen Episoden verwandelt sich Fremdheit zu Nähe, Verlorenheit ertüchtigt sich zum Abenteuer, das Unschickliche wird zum Genuss.

Hanne ist preiswürdig auch wegen des überragend gekonnten, eleganten Handwerks: Als Solo, das einer Schauspielerin auf den Leib geschrieben ist, der man diese „allein-stehende“ Hanne tatsächlich abnimmt. Als Inszenierung, die sich souverän unkonventionell aller filmischen Mittel bedient und, nur zum Beispiel, fast unmerklich in den schnellen Vorlauf geht und überspringt, was in einer Abfolge nicht benötigt wird. Oder die zum Landschaftstableau wird, wenn Hanne mit dem roten Mantel im Sturm über ein Feld läuft. Und er ist preiswürdig als Textfilm, der von den großartigen Dialogen Beate Langmaacks getragen ist, von ihrer genauen Beobachtung und ihren wundervollen Frauenfiguren.

 
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