55. Grimme-Preis 2019

Beat (Hellinger/Doll Filmproduktion/Warner Bros. Film Productions Germany/Pantaleon Films für Amazon Prime Video)

 

Grimme-Preis an

Norbert Eberlein (Buch)

Marco Kreuzpaintner (Regie)

Philipp Haberlandt (Kamera)

Jannis Niewöhner  (Darstellung)

 

Produktion: Hellinger/Doll Filmproduktion / Warner Bros. Film Productions Germany / Pantaleon Films in Zusammenarbeit mit Amazon Studios

Erstveröffentlichung: Amazon Prime Video, Freitag, 09.11.2018

Sendelänge: 7 Folgen, je ca. 52-68 Min.


Inhalt

Robert Schlag, genannt „Beat“ (Jannis Niewöhner), ist Promoter eines Berliner Techno-Clubs. Sein Leben findet überwiegend nachts statt und besteht aus Drogen, Sex und Musik. Als sich die organisierte Kriminalität in Gestalt des eiskalten Geschäftsmanns Philipp Vossberg (Alexander Fehling) in den Club einkauft, gerät Beats Welt aus den Fugen. Der europäische Geheimdienst ESI setzt ihn auf Vossberg an, und Beat muss einer Realität ins Auge sehen, die schrecklicher ist als alles, was er sich vorzustellen vermochte. Er kommt einem perfiden System auf die Spur, in dem sich Waffen- und Organhandel auf menschenverachtende Weise zu einem florierenden Geschäftskreislauf verbunden haben. Parallel taucht ein längst vergessener Bekannter (Kostja Ullmann) aus Beats Kindheit auf, der es anscheinend ebenfalls auf den Club abgesehen hat: Eines Abends kommen plötzlich an der Decke der Clubhalle zwei präparierte Frauenleichen zum Vorschein. Beat unternimmt nebenbei auch eine Reise zu den eigenen familiären Ursprüngen. Dass seine Eltern spurlos verschwunden sind, als er sechs Jahre alt war, hat er zwar verdrängt, aber in Wirklichkeit nie verwunden.

 

Stab

Buch: Norbert Eberlein

Idee: Marco Kreuzpaintner

Regie: Marco Kreuzpaintner

Kamera: Philipp Haberlandt

Schnitt: Johannes Hubrich

Ton: Dirk Teo Schäfer (Wavefront Studios)

Musik: Ben Lukas Boysen, Paul Emmerich, Marcel Dettmann

Darstellung: Jannis Niewöhner, Karoline Herfurth, Christian Berkel, Alexander Fehling, Kostja Ullmann, Hanno Koffler, Anna Bederke u.a.

Produzenten: Christopher Doll, Lothar Hellinger, Willi Geike, Dan Maag

Redaktion: Dr. Christoph Schneider (Amazon Prime Video), Philip Pratt (Amazon Prime Video)

 

Jurybegründung

Parfüm, Energydrinks und der Schweiß ekstatisch tanzender Leiber in einem Berliner Technoclub. Schlamm, Blut und Desinfektionsmittel auf einem Brandenburger Bauernhof. Gewienerte Parkettböden, selbst geerntete Radieschen und überdimensionierte Lufteinlassfronten in einem schicken Haus am See. Wenn Fernsehen zu riechen beginnt, werden herkömmliche Seh-Erfahrungen transzendiert.
Die Amazon-Serie „Beat“ ist ein Anschlag auf alle Sinne. Dafür sorgt ein furioses Zusammenspiel von Drehbuch, Kamera und Regie. Autor Norbert Eberlein hat eine Geschichte erdacht, die zunächst ganz um ihre Hauptfigur kreist, später aber ihre starken politischen Bezüge offenbart. Robert Schlag aka Beat – mit jeder Faser überzeugend verkörpert von Jannis Niewöhner – wird als Mensch eingeführt, für den der Club ein embryonaler Sehnsuchtsort ist. In der dunklen Höhlenwärme pulsiert der „Beat“ wie im Bauch der Mutter, die spurlos verschwand, als Beat ein Kind war.
Leben für den Moment, ohne Gedanken an ein danach. Die Essenz von Techno ist die Philosophie von Beat. Doch die Realität korrumpiert irgendwann auch Techno, zynische Unternehmer kaufen sich in die Clubs ein. Robert Schlag wird aus dem Paradies vertrieben und findet sich in einer finsteren Welt wieder. Der an den Dröhnungszustand gewöhnte Beat muss sich plötzlich zu Geschäftsmodellen verhalten, in denen Menschen nichts weiter als Rohstofflieferanten sind. „Du musst aufhören, sie als Menschen zu sehen“, sagt der Arzt auf dem Bauernhof, der entführten Flüchtlingen Organe entnimmt.
Dass die Filmsparte eines globalen Handelskonzerns eine Serie hervorbringt, die sich gegen die Logik eines radikalen Marktkapitalismus wendet, ist ein irritierender, aber letztlich produktiver Widerspruch. Durch die Verbindung zu den Machenschaften von Geheimdiensten und zur Terrorvergangenheit der RAF setzt sich die Serie dem Risiko der Überkomplexität aus, aber sie schafft es, die Spannung zu halten – gleich einem siebenstündigen Rave. Genre-Grenzen verschwinden: Subkultur-Porträt, Polit-Thriller und die Geschichte eines späten Coming-of-Age fließen ineinander, brechen und spiegeln sich gegenseitig.
Philipp Haberlandts Kamera ist schmerzhaft nah an Beat und seiner unfreiwilligen Heldenreise, den Zuschauer*innen wird keine Distanz gestattet. Marco Kreuzpaintners enorm variable Regie erzeugt Sog und Rausch genauso zwingend wie Ruhe und Reflexion. In der vierten Folge zeigt eine herausragende Sequenz den Sündenfall Europas, das Waffenlieferungen in Krisengebiete ermöglicht und dadurch Fluchtbewegungen in Gang setzt. Es ist nur wenig überspitzt, wenn die Flüchtlinge in dieser Fiktion nicht nur vor den Toren unseres Kontinents im Stich gelassen, sondern direkt in die Transporter von Verbrechern geladen werden, die sich umstandslos an ihren wehrlosen Körpern bedienen.

 
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