Kritische Diskurse in vielen Facetten

Relevante gesellschaftliche Themen dominieren den 56. Grimme-Preis

(Marl/Essen) Das Jahr 2019 war geprägt von großer politischer und gesellschaftlicher Unruhe: Die Diskussionen um die Auswirkungen des Klimawandels und die Demonstrationen der Fridays for Future-Bewegung, der wachsende Rechtspopulismus sowie die Debatten um die Seenotrettung gehörten zu den beherrschenden Themen. Dies spiegelt sich auch in den ausgezeichneten Produktionen des 56. Grimme-Preises wider. In den Wettbewerbskategorien Fiktion, Information & Kultur, Unterhaltung sowie Kinder & Jugend werden 2020 16 Produktionen mit Grimme-Preisen ausgezeichnet, darunter zwei Spezialpreise und der Grimme-Preis für die „Besondere Journalistische Leistung“. Eine weitere Produktion erhält den Publikumspreis der Marler Gruppe.

Die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV) geht in diesem Jahr an den Regisseur und Autor Heinrich Breloer. „Mit der Besonderen Ehrung für Heinrich Breloer würdigt der Deutsche Volkshochschul-Verband den Mitbegründer und profiliertesten Autor und Regisseur des Doku-Dramas“, sagt DVV-Direktor Ulrich Aengenvoort. Das Genre des Doku-Dramas korrespondiere sehr gut mit dem Bildungsanspruch von Volkshochschulen, verbinde es doch historische Wahrhaftigkeit mit fiktionaler Spannung.

Insgesamt 58 Preisträger*innen können am 27. März 2020 im Marler Theater ihre Trophäe entgegennehmen. Durch die Preisverleihung wird der Moderator Jo Schück führen, die musikalische Begleitung übernimmt die Essener Band „Botticelli Baby“.

„Rechtsextremismus und -terrorismus haben die Berichterstattung des vergangenen Jahres wie auch die der zurückliegenden Wochen bestimmt. So konnten kategorienübergreifend genau die Produktionen die Jurys überzeugen, die auch uns als Publikum nicht gleichgültig zurücklassen, die Produktionen, die sich positionieren für eine offene, pluralistische Gesellschaft“, so Grimme-Direktorin Dr. Frauke Gerlach.

In der Fiktion werden mit dem Episodenfilm „The Love Europe Project“ (Sperl+Film/ZDF Das kleine Fernsehspiel für ZDF/ARTE)) das Leben und der Alltag sehr unterschiedlicher Menschen in Europa in neun Kurzspielfilmen gezeigt. Die Produktion setzt ein Zeichen für die Verbundenheit und Zukunft Europas in Zeiten der EU-Kritik und des Brexits. Den Grimme-Preis Spezial in der Kategorie Fiktion erhält die deutsch-französische Serie „Eden“ (Atlantique Productions/Port au Prince/Lupa Film für SWR/ARTE/ARTE France/ Degeto), die Schicksale von Migrant*innen in Europa aufgreift. Mit der Drama-Serie „Skylines“ (Komplizenfilm/StickUp Filmproduktion für Netflix) über das Hip-Hop-, Finanz- und Drogenbusiness und dem bildgewaltigen Krimi „Der Pass“ (Wiedemann & Berg/epo-Film für Sky) erhalten in diesem Jahr zwei weitere Serienformate den Grimme-Preis in der Fiktion.
Als einziger Fernsehfilm in der Kategorie Fiktion erhält das Drama „Hanne“ (PROVOBIS für NDR/ARTE) einen Grimme-Preis. Ausgezeichnet werden Beate Langmaack (Buch), Dominik Graf (Regie) und Iris Berben (Darstellung). „Diversität, innovative Erzählformen und den kritischen gesellschaftlichen Diskurs wünschen sich unsere Gremien, aber auch wir als Institut, noch deutlich konsequenter. Das gilt für alle Formate, aber vor allem für den Fernsehfilm“, so Frauke Gerlach.

Der Publikumspreis der Marler Gruppe geht 2020 an „Der König von Köln“ (Zeitsprung Pictures/Dreamtool Entertainment für WDR). Neben Ralf Husmann (Buch) und Richard Huber (Regie) möchte die Marler Gruppe besonders auch die darstellerische Leistung von Serkan Kaya, Judith Engel und Joachim Król auszeichnen und betitelt den satirischen Film als „bestes politisches Kabarett“.

Aktuelle Gesellschaftsdiskurse prägen auch in diesem Jahr die preisgekrönten Produktionen in der Kategorie Information & Kultur. Der Dokumentarfilm „Dark Eden“ (Made in Germany Filmproduktion für ZDF/3sat) thematisiert die Umweltverbrechen des 21. Jahrhunderts am Beispiel der kanadischen Ölgewinnung. Michael David Beamish, der bei den Dreharbeiten zum Co-Regisseur wurde und an den Folgen der Umweltkatastrophe erkrankte, erhält gemeinsam mit Jasmin Herold den Grimme-Preis für Buch und Regie. Andreas Köhler (Kamera) und Martin Kayser Landwehr (Schnitt) werden ebenfalls ausgezeichnet.
Weitere Preise in der Kategorie Information & Kultur gehen an Jean Boué (Buch und Regie) für „Die Unerhörten – Über den Landtagswahlkampf in der Prignitz“ (JABfilm für rbb) sowie an Alice Agneskirchner (Buch und Regie) für den Dokumentarfilm „Wie ‚Holocaust‘ ins Fernsehen kam“ (Hanfgarn & Ufer für WDR/NDR/SWR).
Den gesellschaftlich-politischen Konflikt um die Seenotrettung greift der Dokumentarfilm „SeaWatch3“ (NDR Dokfilm/Strg_F/Panorama für NDR) auf. Die Jury ehrt Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg jeweils für Buch, Regie und Kamera. 21 Tage lang begleiteten die beiden Filmemacher*innen Seenotretter*innen wie Kapitänin Carola Rackete. „Diese beobachtende Dokumentation, die ausschließlich an Bord spielt, aber alle Geschehnisse in die große Politik einordnet, die dramaturgisch kunstvoll gemacht, aber immer der Wahrheit verpflichtet ist, lässt sehr viel tiefer blicken“, so die Begründung der Jury.

Den Grimme-Preis für die „Besondere Journalistische Leistung“ erhält Georg Restle stellvertretend für die Redaktion von „MONITOR“ (WDR) „für die kontinuierliche und haltungsstarke Berichterstattung über Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus“.

In der Kategorie Unterhaltung wird mit „Prince Charming“ (Seapoint Productions für TVNOW) erstmals eine Datingshow mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. „Der glänzend ausgewählte Cast vermittelt echte Vielfalt. Dazu kommt, dass den Protagonisten der nötige Raum gegeben wird, um Botschaften für mehr Toleranz in die Welt zu schicken; ernsthaft und unterhaltsam zugleich“, erklärt die Grimme-Jury. Protagonist und „Prince Charming“ Nicolas Puschmann wird dafür, neben Nina Klink (Produzentin), Nora Kauven und Jan Graefe zu Baringdorf (beide Executive Producer), von der Jury geehrt.
Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf (beide Moderation) und Thomas Martiens und Thomas Schmitt (beide Idee und Redaktion) erhalten den Grimme-Preis für das Format „Joko & Klaas LIVE – 15 Minuten“ (Florida Entertainment für ProSieben) in dem sie unter anderem Aktivisten gegen Rechtsextremismus eine Plattform geben. Außerdem wird die Talkshow „Chez Krömer“ (probono Tv für rbb) mit Kurt Krömer (Moderation), Michael Maier (Regie) und Friedrich Küppersbusch (Produktion) ausgezeichnet.

In der Kategorie Kinder & Jugend werden Joakim Demmer, Verena Kurti und Chiara Minchio mit Grimme-Preisen für Buch und Regie des Dokumentarfilms „Ab 18! Die Tochter von …“ (Joakim Demmer Film & TV Produktion für ZDF/3sat) ausgezeichnet. Mit dem Grimme-Preis für die Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ (btf für Netflix) ist Netflix zum ersten Mal mit zwei ausgezeichneten Produktionen vertreten. Die Coming-of-Age-Serie überzeugte die Jury mit ihrer „geschickten visuellen Umsetzung“ und ihren „ausgefeilten Dialogen“.
Der Grimme-Preis Spezial in der Kategorie Kinder & Jugend geht in diesem Jahr an Bürger Lars Dietrich und Marti Fischer für die Moderation der Musikcomedy „Leider laut“ (Warner Bros./ITVP für ZDF).

Hintergrundinformationen zum 56. Grimme-Preis gibt es im Internet unter www.grimme-preis.de. Die Verleihung des 56. Grimme-Preises findet am 27. März im Theater der Stadt Marl statt und wird von 3sat zeitversetzt ab 22.40 Uhr im Fernsehen ausgestrahlt. Bereits ab 19.15 Uhr überträgt 3sat die Preisgala per Livestream auf www.3sat.de.

Pressevertreter können sich ab sofort online unter www.grimme-preis.de/akkreditierungsanfragen für den Presseempfang im Grimme-Institut sowie zur Preisverleihung am 27. März im Theater Marl akkreditieren.

Stifter des Grimme-Preises ist der Deutsche Volkshochschul-Verband, weitere Partner sind das Land Nordrhein-Westfalen, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und 3sat. Die Daimler AG unterstützt den 56. Grimme-Preis als Hauptsponsor.

 
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