59. Grimme-Preis 2023

Grimme-Preis für die Besondere Journalistische Leistung

an:

Silvio Duwe

Georg Heil

Lisa Wandt

stellvertretend für die Redaktion „Kontraste“

 

für

die kontinuierlichen investigativen Recherchen zu Randthemen des Rechtsradikalismus. (rbb)

 

Inhalt:

Das Jahr 2022 war von großen Krisen geprägt, die medial entsprechend großen Raum einnahmen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist an erster Stelle zu nennen. Mit ihm waren und sind Debatten verbunden, die als Randthemen des Rechtsradikalismus aufgegriffen wurden und werden. Die Strategien und Vernetzungsbestrebungen rechter und rechtsradikaler Gruppierungen fanden über Jahre aus guten Gründen medial viel Beachtung. Im zurückliegenden Jahr rückte der Themenkomplex angesichts der vielen anderen wichtigen Recherchebaustellen im deutschen Fernsehjournalismus insgesamt etwas in den Hintergrund.

Die Redaktion von „Kontraste“ hat diese Randthemen jedoch immer wieder in Magazinbeiträgen ausgeleuchtet. So wies sie etwa auf personelle Verbindungen zwischen Friedensbewegung und Querdenken-Bewegung hin oder beschäftigte sich damit, wie Rechtsradikale und Rechtsextreme Unsicherheiten und politische Themen des Jahres für ihre Zwecke nutzen – etwa bezüglich der Energiesicherheit. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Beitrag „Wie Rechtsradikale den Wutherbst orchestrieren wollen“.

Sie befasste sich mit Landesgrenzen überschreitenden rechten Netzwerken, die „der Verdruss über die offene Gesellschaft“ vereine, wie es in der Einleitung zum Beitrag treffend heißt. Ebenfalls Thema wurden die Schießübungen von Rechtsextremisten auf Schießständen und die Umtriebe einer rechtsextremen Wehrsportgruppe, zu der auch Bundeswehrreservisten gehören sollen.

 

Begründung der Jury:

Der lange Atem der Redaktion „Kontraste“ ist bemerkens- und lobenswert. Seit vielen Jahren bearbeiten Mitarbeiter:innen der rbb-Redaktion Randthemen des Rechtsradikalismus‘. Sie taten das auch im Jahr 2022 und leisteten damit unter dem Dach der Magazinsendung einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung und zur öffentlichen Debatte, der aus Sicht der Jury in diesem Jahr herausragte. Auch deshalb, weil derartige Recherchen im zurückliegenden Krisen- und Kriegsjahr insgesamt seltener waren als in anderen Jahren – aber kein bisschen weniger wichtig.

Hervorzuheben ist, dass die Redaktionsmitglieder, die in wechselnden Konstellationen zusammenarbeiten, bei ihrer Arbeit auf Sach- und Personenwissen zurückgreifen, das sie über Jahre angesammelt haben. Sie können dadurch Kontexte herstellen und plausibel und valide begründen, wie sie auf die hergestellten Zusammenhänge kommen. Das ist eine große Qualität. Und nach der Nominierungskommission war auch die Jury von dieser Qualität überzeugt. Sie zeichnet, stellvertretend für die ganze Redaktion, Silvio Duwe, Lisa Wandt und Redaktionsleiter Georg Heil mit dem Grimme-Preis für die Besondere Journalistische Leistung aus.

Es ist keine banale Aufgabe, zu verstehen und verständlich zu machen, wie rechtes Gedankengut verbreitet wird und sich verbreitet. Zu den zentralen Elementen der Arbeit gehört die Analyse von Netzwerken, und die findet vor den Drehs statt – in Archiven, am Telefon, bei der Auswertung von Unterlagen, bei Hintergrundgesprächen. Die Redaktion von „Kontraste“ arbeitete relevante und keineswegs beliebige Verbindungspfade heraus. Sie wies dabei mehr als nur Kontakte zwischen Personen nach. Sie stellte weltanschauliche Zusammenhänge heraus. Diese Arbeit erfordert eigene Informationsnetze, Weltwissen, Sach- und Methodenkompetenz, reflektierte quellenkritische Arbeit, ein stetes Hinterfragen der eigenen Vermutungen und ein gutes Erinnerungsvermögen. Und die Redaktion von „Kontraste“ leistete in diesem Jahr all das.

Recherchen in den Randgebieten des Rechtsradikalismus erfordern zudem auch Mut. Unter den Medienvertreter:innen, die in den vergangenen Jahren bei Demonstrationen von Rechtsextremen oder Querdenkern bedrängt und angegriffen wurden, sind auch nun ausgezeichnete Journalist:innen der „Kontraste“-Redaktion.

 
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