62. Grimme-Preis 2026

Unterwegs im Namen der Kaiserin

(maze pictures/Hochschule für Film und Fernsehen für ZDF – Das Kleine Fernsehspiel)

 

Grimme-Preis Spezial an:

 

Jovana Reisinger (Buch/Regie/Creation)

für die zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik.

 

Erstveröffentlichung: ZDF Streaming-Portal, Freitag, 31. Oktober 2025

Sendelänge: 92 Minuten



Inhalt:

Für die drei Freund*innen Romy (Julia Windischbauer), Karlheinz (Thomas Hauser) und Magda Gustav (Benjamin Radjaipour) beginnen Selbstfindung und Untergang mit einem Gerücht auf einer malerischen Berghütte: Es gebe hier einen Jungbrunnen. Auf der Suche treffen sie eine unheimlich gut gelaunte Berglerin (Rosalie Thomass), die ihnen erzählt: Einer oder eine von ihnen sei die Reinkarnation der Kaiserin Elisabeth. Wer? Das würden sie merken, wenn die Kaiserin sich ihnen offenbart. Ab jetzt sind die drei auf der Suche nach ihrer inneren Sisi und in einem Wettbewerb, neben dem das Reality-TV erblassen würde – egal ob sie sich rohe Kalbsschnitzel aufs Gesicht legen oder im Hotel „Kaiserin Elisabeth“ Sisis angebliche Lieblingssuppe mit Innereien schlürfen. Über allem aber liegt ein Verdruss, der sich nicht füllen lässt. Als letztes Mittel beschließen sie, sich am Starnberger See gegenseitig zu erstechen, dann werde sich die Kaiserin zeigen. Irrtum. Am Ende sehen wir drei Frauen Drinks aus dem Jungbrunnen schlürfen: die Hüttenwirtin, die Berglerin mit der Weissagung und eine Jägerin. Wieder sind welche auf ihren Trick hereingefallen, mit dem sich die Hotellerie auf ewig auslasten lässt.

 

Begründung:

Was für eine Vorstellung, im doppelten Sinn! Drei Hexen chillen am ewigen Jungbrunnen und halten nebenbei die Sisi- und Kini-Industrie lukrativ am Laufen. Das alles funktioniert bei Jovana Reisinger (Buch/Regie/Creation) sofort und unmittelbar: „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ hebt sich so spektakulär ab vom gewohnten Fernsehen, zieht mit Bildern und Sound hinein in eine so rasante und ganz andere Ästhetik, dass es hellwach macht. Sofort ahnt man, die verkitschte Alpenromantik könnte eine Falle sein. Das ständige elegisch-edle Nachdenken über Vergänglichkeit und Jugend wiederum ist gekoppelt an strenge Beauty-Anforderungen. Und Vorsicht, denn: „Der Grat zwischen Wunder und Katastrophe ist heute extraschmal“, heißt es am Anfang. Diese Welt hat etwas träge Morbides, ist in einen überdrehten Prunk getunkt – wer mag, kann da nachschlagen, was der Begriff „camp“ in der Kunst bedeutet. Und natürlich zerlabern die drei Rivalisierenden um die kaiserliche Reinkarnation sich den Verstand beim Versuch, die innere Sisi endlich final aufzuspüren.

Ist es so abwegig, alles zu geben, um die Kaiserin in sich zu entdecken? Aber nein! Das Publikum kann immer noch nicht genug bekommen von Sisi-Produktionen in Fernsehen und Kino. Warum? „Weil alle so monarchiegeil sind und sich im Kapitalismus alles vermarkten lässt. Genau wie dieser ganze Heimatkitsch hier“, erklärt Romy ihren Begleiter*innen, die weibliche und männliche Codes allerliebst kreativ mischen, wie überhaupt Diversität hier extrem unangestrengt umgesetzt ist.

Aber wie heißt es im Film? „Jetzt hör mir auf mit diesen großen Fragen und konzentrier dich lieber auf die Gegenwart. Fressen und gefressen werden, nicht?“ Also noch mal zum Kapitalismus. Ins Look-and-Feel dieses hochartifiziellen Wunderlands mischt sich knallharte Gegenwartskritik, denn die drei Sisis sind im Grunde recht prekär auf Spesenrechnung für „Bonzen“ unterwegs. Sie atmen gegen Zornesfalten an, es droht überhaupt der Rausschmiss aus dem Arbeitsverhältnis, das macht ja überhaupt erst die Kaiserinnen-Option so attraktiv. „Ab jetzt müsst ihr euer Leben einer Kaiserin entsprechend gestalten. Ordentlich hineininvestieren in die royale Zukunft, gell?“ verlangt Rosalie Thomass bei der Weissagung und kippt dazu ihren Zirbenschnaps. Auf wessen Kosten die Sisi-Sause geht, ist da klar.

Zuweilen wirken die Szenen wie die Abschnitte eines Theaterstücks, die Jury erkennt hier auch Schwächen beim Zusammenhalt der filmischen Erzählung. Dennoch verdient Jovana Reisingers Ausnahmeproduktion die Ehrung mit einem Grimme-Preis Spezial für ihre zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik.

 
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