(Apollonia Film/Lax Entertainment für ZDF)
Grimme-Preis an:
Marius Beck (Buch)
Marc Philip Ginolas (Buch/Regie)
Carly Coco (Regie)
Sebastian Doppelbauer (Darstellung)
Jeremias Meyer (Darstellung)
David Ali Rashed (Darstellung)
Erstveröffentlichung: ZDF Streaming-Portal, Freitag, 23. Mai 2025, 10.00 Uhr
Sendelänge: 8 x 25 Minuten
Inhalt:
Australien, ich komme!? Nach dem Abi steht dem 18-jährigen Carlo Brenner (Jeremias Meyer) aus Hintervorderbach in Oberschwaben die Welt offen - aber nur kurz, denn in der Nacht nach dem Abiball fährt der Pechvogel gänzlich nüchtern den Oldtimer seines Vaters (Bernd Gnann) zu Schrott und muss fortan im elterlichen Wirtshaus seine Schulden abarbeiten.
Der Plan, seinen Schwarm Pia (Mina-Giselle Rüffer) zum Work and Travel ans andere Ende der Welt zu begleiten, ist damit hinfällig. Das ist Carlo aber ehrlich gesagt gar nicht mal so unrecht, weil Fernweh kein Gefühl ist, das ihn plagt, und er doch irgendwie sehr hängt an Hintervorderbach und seinen Kumpels BlaBla (Sebastian Jakob Doppelbauer) und Aydin (David Ali Rashed), mit denen er die Zeit totschlägt, bis das Leben endlich richtig losgeht. Oder soll doch alles mehr oder weniger so bleiben, wie es ist? Carlo ist hin- und hergerissen zwischen seiner jugendlichen Sehnsucht nach Aufbruch und Abenteuer sowie der Geborgenheit des Lebens auf dem Dorf, wo jeder sofort weiß, was ein „Tschappel“ ist, wenn er einem begegnet.
Begründung:
Dem Autorenduo Marius Beck und Marc Philip Ginolas ist etwas im deutschen Fernsehen selten Gesehenes gelungen: Die beiden erzählen mit „Tschappel“ acht skurrile Episoden aus Hintervorderbach, einem fiktiven oberschwäbischen Dorf, ohne das Leben dort zu überhöhen, zu verkitschen oder sich darüber lustig zu machen.
In diesem unterrepräsentierten Setting erzählt „Tschappel“, getragen von einem spielfreudigen Ensemble, eine klassische Coming-of-Age-Geschichte mit Comedy-Anteilen, in der es „ums Erwachsawerda“ geht, „mit alle Freid, Plaga ond dem ganz normale Kuddelmuddel, wie’s halt so isch.“ Der Dialekt ist so speziell wie authentisch, die Geschichte so universell wie originell: Jeder, der irgendwo aufgewachsen ist, wird sich mit dem Abiturienten Carlo Brenner identifizieren können, aus dessen Perspektive „Tschappel“ erzählt ist.
In den treuherzigen Augen von Hauptdarsteller Jeremias Meyer spiegelt sich das Staunen über eine auch auf dem Land nicht heile Welt, in der Carlo seinen Platz sucht, weil man ja irgendwo hin muss mit sich. Als der Oldtimer seines Vaters auf kuriose Weise zum Totalschaden mutiert, sitzt Carlo zwar am Steuer, aber vom Wesen her ist er eindeutig Beifahrer, eher beobachtend, bisweilen merkwürdig unbeteiligt, ja neben sich stehend. Er macht nicht viel und zieht das Chaos trotzdem (oder gerade deswegen?) magisch an. „Trouble Will Find Me“ von The National dürfte ein Albumtitel sein, mit dem er sich gut identifizieren kann.
Überhaupt die Musik: Der folkloristisch-elegische Rumpel-Jazz der Hochzeitskapelle, ein Nebenprojekt der „The Notwist“-Brüder Markus und Micha Acher, setzt, in kongenialer Resonanz mit der Montage, fatalistische akustische Ausrufezeichen unter die vielen Fragezeichen in Carlos Blick: Die Welt ist nun mal, wie sie ist, mach‘s wie alle, versuch dein Glück.
Das gilt insbesondere auch für die Figur von Carlos junggebliebener Single-Tante Gabi, von Nina Gnädig wunderbar in der Schwebe gehalten zwischen Lebensfreude und Verzweiflung. Die Souveränität, solche Ambivalenzen zuzulassen, statt einzuebnen, hat im deutschen Fernsehen Seltenheitswert.
„Tschappel“, liebevoll und temporeich inszeniert von Carly Coco und Ko-Autor Marc Philip Ginolas, ist beste Fernsehunterhaltung mit Witz und Verstand - komisch, aber nicht klamaukig, warmherzig, aber nicht rührselig. Leicht, aber nicht seicht. Eine Balance, die zu halten ein Kunststück ist, das bei „Tschappel“ aufgeht und Lust auf mehr macht – aus Hintervorderbach und von den jungen Macherinnen und Machern dieser grundsympathischen ZDFneo-Serie.
