(Sommerhaus Filmproduktion für ARD Degeto/hr)
Grimme-Preis an:
Senad Halilbašić (Buch)
Erol Yesilkaya (Buch)
Stefan Schaller (Buch/Regie)
Melika Foroutan (Darstellung)
Edin Hasanovic (Darstellung)
Erstveröffentlichung: Das Erste, Sonntag, 5. Oktober 2025, 20.15 Uhr
Sendelänge: 89 Minuten
Inhalt:
Hauptkommissar Hamza Kulina (Edin Hasanovic) betritt im Keller des Frankfurter Polizeipräsidiums seinen neuen Arbeitsplatz: die Abteilung für „Altfälle“, international besser als „Cold Cases“ bekannt. Maryam Azadi (Melika Foroutan), Leiterin und einzige Mitarbeiterin der Abteilung, ist freundlich, aber auch ein wenig distanziert: Sie erwartet nicht, dass es der neue Kollege lange bei den Altfällen aushält. Was sie nicht weiß: Hamza hat eine interne Untersuchung am Hals und soll Maryam ausspionieren, weil deren Vorgesetzte Material gegen sie sammeln will. Kaum haben Maryam und Hamza ein paar Sätze gewechselt, kommt es zum ersten Einsatz: Bei der Wohnungsauflösung eines verstorbenen Mannes hat dessen Tochter menschliche Überreste in Säurefässern entdeckt. Schnell stellen die Ermittler*innen fest, dass der Mord schon einige Jahre zurückliegt – und auffällige Parallelen zu anderen ungeklärten Mordfällen aus der Vergangenheit aufweist. Bei Hamza löst die Beschäftigung mit den Opfern des Serienmörders traumatische Erinnerungen an seine Kindheit während des Bürgerkriegs in Bosnien-Herzegowina aus. Zusammen mit Maryam will er den Angehörigen der Opfer Gewissheit darüber verschaffen, was vor langer Zeit mit den geliebten Menschen geschah.
Begründung:
Morde sind standardisierte Elemente in der deutschen Fernseh-Fiktion. Ob im Vorabendkrimi, in Reihen wie „Tatort“ oder auch im gehobenen Fernsehspiel: Dass Menschen im Film getötet werden, nehmen viele Zuschauerinnen und Zuschauer als normal hin. Es ist Bestandteil des Nervenkitzels. Spannend wird die Aufklärung der Morde durch raffinierte Strategien der Ermittler*innen oder durch charismatische Täter*innen, die sich der Festnahme zu entziehen versuchen.
Was dabei kaum jemals in den Blick gerät: Wenn ein Mensch getötet wird, bleiben Angehörige mit ihrem Schmerz, ihrer Trauer und ihrer Wut zurück. Der Fernsehkrimi gewährt diesen Angehörigen oft nur einen Halbsatz, nachdem die Kommissarin in der Haustür eine „leider traurige Nachricht“ angekündigt hat. Der außergewöhnliche „Tatort: Dunkelheit“, der auf realen Gewalttaten des „Hessen-Rippers“ basiert, ändert die Perspektive in fast radikaler Weise: Da die beiden neuen Frankfurter Ermittler*innen Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanovic) Cold Cases bearbeiten und der mutmaßliche Killer bereits verstorben ist, liegt der Fokus auf der Zuordnung und Identifizierung von Opfern sowie der Information von Angehörigen. Der sadistische Täter bleibt blass, geradezu uninteressant.
Das klug konstruierte Drehbuch von Senad Halilbašic, Erol Yesilkaya und Stefan Schaller nimmt sich immer wieder viel Zeit, um in die Vergangenheit der Opfer abzutauchen. Da gibt es die junge Frau, die nach Hamburg ziehen wollte. Den Jungen, der gern Fußball spielte und dessen Torwarthandschuhe seit Ewigkeiten in der Asservatenkammer der Polizei lagern. Die Mutter, an die sich der heute erwachsene Sohn kaum erinnern kann. Diese Opfer bekommen ein Gesicht und eine Geschichte – und damit eine Würde, die ihnen der Standardkrimi allzu häufig vorenthält. Regisseur Stefan Schaller inszeniert die Szenen aus der Vergangenheit überaus behutsam und berührend in dezenten Sepiafarben.
Darüber hinaus weckt der „Tatort – Dunkelheit“ Neugier auf weitere Folgen mit dem Ermittlungsduo, das von Foroutan und Hasanovic exzellent gespielt wird. Foroutan gestaltet die Figur der Maryam Azadi nuanciert zwischen Ruhe, Besonnenheit und Geheimnis, während Hasanovic mit Hamza Kulina den emotionalen und auch mal impulsiven Part übernimmt. Horizontale Handlungslinien werden beispielsweise durch den Migrationshintergrund beider Charaktere, aber auch durch den Undercover-Auftrag aus höheren Etagen an Hamza eröffnet. In die Suche nach der Wahrheit werden so Fragen nach Erinnerung, Identität, Vertrauen und Loyalität eingewoben, die viel Potenzial für die weiteren Fälle des neuen Frankfurter Teams bergen.
