(Docdays Productions für ZDF/DW/ARTE)
Grimme-Preis an:
Carl Gierstorfer (Buch/Regie/Bildgestaltung)
Laura Salm-Reifferscheidt (Buch/Regie)
Ronald Rist (Montage)
Erstausstrahlung: ARTE, Dienstag, 20. Mai 2025, 22.55 Uhr
Sendelänge: 52 Minuten
Inhalt:
Der Sudan, das drittgrößte afrikanische Land, kennt seit Jahrzehnten nur Krieg. Im April 2023 erreicht der aktuelle Bürgerkrieg einen neuen Höhepunkt. Umkämpft dabei immer wieder das Gebiet der Nuba-Berge, deren Bevölkerung systematisch unterdrückt wird. Im Schatten der Kämpfe ein Krankenhaus, durch nur eine, meist unpassierbare Straße erreichbar. Siedlungsgemeinschaften, Dörfer und über eine Million schutzsuchende Flüchtlinge betreut hier Dr. Joseph Yacoub, der einzige Chirurg der Region, mit seinem Team. Vor allem Frauen, Schwangere, Mütter mit schwerkranken und unterernährten Kleinkindern und Kriegsopfer werden versorgt. Carl Gierstorfer und Laura Salm-Reifferscheidt haben ein paar Monate mit diesen Menschen im Krankenhaus verbracht und von Flucht, Verlust, Tod, Entbehrungen und Kriegsgreuel erfahren. Einige erzählen von ihren Wünschen für die Zukunft, von kaum vorstellbarer Hoffnung in dieser Hoffnungslosigkeit. Dann scheint sogar Humor auf im OP. Wir erleben Geburten per Kaiserschnitt und Operationen, die Schmerzen lindern, heilen helfen. Wir sehen Menschen, die verzweifeln und ermutigt werden, und wie in umliegenden Siedlungen medizinische Beratung erfolgt. Verbände, Impfungen, Milch und Medikamente, nach Bedarf verteilt werden.
Begründung:
HAKUNA MATATA steht in bunten Buchstaben über dem schmalen Durchgang zur Mutter- und Kind-Station im sudanesischen CAP ANAMUR Krankenhaus des Deutschen Notärzte
e.V. Carl Gierstorfer hat sein Thema gefunden. Konsequent sucht er den Ort auf, wo unermüdlich miteinander arbeitende Ärzte und Pflegekräfte über Leben und Tod oder die Hoffnung auf Heilung, die humanitäre Frage mit den Mitteln der Heilkunst verhandeln: das Krankenhaus. Dabei findet er Protagonist*innen, die es uns ermöglichen, eine Ahnung von ihrer Arbeit zu erhalten, zu erleben, dass die Würde des Menschen in schlimmsten Notlagen dennoch ein hohes Gut ist. Wir sehen und hören die mit großer Stärke getragenen Geschichten.
In diesem Kontext arbeitet Dr. Josef Yacoub, geboren im Krieg, in den Nuba-Bergen. Laura Salm-Reifferscheidt und Carl Gierstorfer kommen mit der intuitiv geführten Kamera und einer behutsamen Erkundigung dem Geschehen so nahe, dass es beim Zuschauen schmerzt. Wieder einmal erleben wir ein Krankenhaus als gefährdete Enklave des friedvollen Miteinanders, das vor allem von den Menschen, die darin arbeiten, getragen wird. Wie Aziz, der mehrfach verwundet als Soldat ankam und irgendwann operieren wird. Oder Hemadan, als Kindersoldat rekrutiert, der heute hilft, wo er kann, sagt: „Die Menschen hier glauben an das Krankenhaus, nicht im religiösen, mehr im humanistischen Sinn.“
Die Jury lobt die herausragend gelungene Ausgewogenheit zwischen dem Erzählten und dem Gezeigten. Dies ermöglicht uns als Zuschauenden, den Blick nicht abzuwenden. Ganz nebenbei erfahren wir Strukturelles. Der Film verhandelt das Politische durch das Medizinische. Und das ist seine ganz besondere Stärke. So wie die geäußerte Kritik zur Situation der Frauen, die die Hauptarbeit, die Last und das Leid ebenso tragen wie die alleinige Verantwortung für die Kinder. Bildung für Mädchen wird als unsinnig angesehen. Nidal, Krankenschwester und chirurgische Assistentin, wollte Medizin studieren. Neben dem Klinikalltag versorgt auch sie eine Familie. Gespräche über den Krieg in der Heimat und über die erfahrene Gewalt helfen, sich die Not und den Tod von der Seele zu reden. Schwester Houssana wünscht sich so sehr „eine Zukunft, in der wir keine Kinder mehr verlieren“.
Eine weitere Stärke des Films ist die Tonspur mit den sehr gut eingesprochenen Übersetzungen. Es gibt keinen zusätzlichen Kommentar im Film. Wir hören denen zu, die uns vom Leben im Sudan erzählen. Dass all diese Geschichten ineinandergreifen, die Bilder zueinander finden, ist der ebenso hervorragenden Montage von Ronald Rist geschuldet, die dem Film einen fließenden, selbstverständlichen Rhythmus gibt.
Das Filmteam schafft es mit einer genau beobachtenden, zugewandten Kamera eine Atmosphäre einzufangen, die eine große Nähe zu den Protagonist*innen herstellt. Damit gibt dieser bildstarke Film den Millionen von Krieg, Flucht und Hunger bedrohten Menschen im Sudan eine Stimme und stemmt sich auf beindruckende Weise gegen das mediale internationale Vergessen.
