(btf für ZDF/funk)
Grimme-Preis an:
Marie Lina Smyrek (Buch)
Canberk Köktürk (Buch)
Jana Döhlinger (Regie)
Erstveröffentlichung: funk.net/YouTube, Sonntag, 11. Mai 2025, 16.00 Uhr
Sendelänge: jeweils ca. 8 Minuten
Inhalt:
In „smypathisch – die Show" tritt die Kunstfigur smypathisch hinter dem Filter hervor und bekommt ihre eigene Interviewsendung. Marie Lina Smyrek trifft Prominente zum Gespräch. Ob Politik, Musik, Fernsehen oder Social Media – die Gäst*innen kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die Comedian Carolin Kebekus genauso wie der Rapper Apsilon oder Tiktoker Levi Penell. Sie alle sitzen smypathisch an einem langen Tisch gegenüber und müssen sich ihren konfrontativen Fragen und kleinen Aufgaben stellen. Jede Folge ist zwar nur sieben bis acht Minuten lang, aber hat dennoch alles, was eine Sendung braucht: einen starken Opener, kluge Fragen, wiederkehrende Elemente wie „smypathisch kompakt“ oder „Songtext im Kontext“.
Begründung:
Marie Lina Smyrek schafft es, ihre Gäst*innen immer wieder in absurde Situationen zu bringen. Sie konfrontiert sie mit Zitaten und Videos aus ihrer Vergangenheit, hält ihnen Fehler und Lächerlichkeiten vor – und bringt sie so in Bedrängnis. Ihre Fragetechnik ist konfrontativ, schlagfertig und ironisch. Gäst*innen, die versuchen, plump dagegen anzukommen und sie zu übertrumpfen, können in diesem Format nur verlieren. smypathisch behält die Oberhand.
Es ist der permanente Tanz auf der Rasierklinge, ein ewiges Spiel der Rollen. Wie viel ist Kunstfigur? Wie viel mediale Selbstdarstellung? Und was passiert, wenn beides für einen Moment zusammenbricht? Das klingt fies. Ist es aber nicht. Nicht nur weil ihre Gäst*innen das meistens gut aushalten, sondern auch weil Smyrek es schafft, ihren Gäst*innen den Spiegel vorzuhalten, ohne sie fertigzumachen. Und sie lässt jedem/jeder Gast/Gästin immer einen Ausweg: über sich selbst zu lachen.
Die Auswahl der Gäst*innen ist toll und vor allem vielseitig. Auch wenn man nicht zur Kernzielgruppe gehört und nicht alle Gäst*innen kennt, wird man sehr gut unterhalten. Der Drive, die Situationskomik, die liebevollen kleinen Rubriken und nicht zuletzt Smyrek selbst sind in diesem Format herausragend.
Das alles gelingt nur, weil Smyrek offensichtlich akribisch vorbereitet ist. Jede Folge zeugt von tiefer Recherche. Alte Zitate, Fotos und Videos werden aus den Archiven und tief aus den Social-Media-Feeds zutage geholt– Material, das die Gäst*innen längst vergessen haben oder vergessen wollten. So entstehen Situationen, die nicht nur das Publikum überraschen, sondern auch die prominenten Persönlichkeiten selbst.
Auch visuell überzeugt die Show. Der ewig lange Tisch, an dem sich Gastgeberin und Gäst*in gegenübersitzen, erzeugt eine irritierende Distanz – und wird zugleich zur Spielfläche für beiläufige Pointen, etwa wenn eine Frage mit einem Spielzeugbagger über den Tisch geschickt wird. Das Studiodesign unterstützt den Ton der Sendung und wird Teil des Gesamtkunstwerks. Besonders hervorzuheben sind auch der Schnitt und die Arbeit mit Sound. Die Show hat ein besonderes Tempo und trotz der Kürze und Dichte immer wieder Rhythmuswechsel. Wiederkehrende Rubriken wie „smypathisch kompakt", in der Outtakes im Superschnelldurchlauf gezeigt werden, schaffen Wiederkennung, ohne die Sendung vorhersehbar zu machen.
„smypathisch – die show" ist die lustigste „lustige Interviewsendung“, die es derzeit im deutschsprachigen Raum gibt. Und eine besonders gelungene und wegweisende Verbindung aus Fernsehhandwerk und Internetkultur.
