62. Grimme-Preis 2026

Hass.Hetze.Hoffnung.

(NEOS Film/Gute Zeit Film für RTLZWEI)

 

Grimme-Preis an:

 

Linda Kokkores (Buch)

Lillian Malan (Buch)

Philipp Link (Buch)

Claudia Tuyết Scheffel (Buch/Regie)

Quỳnh Lê Nguyễn (Buch/Regie)

 

Erstveröffentlichung: RTL+, Dienstag, 18. März 2025

Sendelänge: 2 x ca. 45 Minuten



Inhalt:

Der zweiteilige Dokumentarfilm beschäftigt sich mit dem Mord an Lǐ Yángjié. Die chinesische Studentin wurde 2016 in Dessau entführt, über Stunden gequält und vergewaltigt und auf grausamste Weise getötet. Im ersten Teil wird der Tathergang rekonstruiert, der Gerichtsprozess und die polizeiliche Ermittlung aufgearbeitet, die wegen zahlreicher Unterlassungen und Vertuschungen rassistische Vorurteile vermuten lassen, sowie die unrühmliche mediale Berichterstattung dokumentiert, die das Opfer teilweise diffamierte. Im Fokus stehen auch die Auswirkungen des Mords auf die asiatisch-deutsche Community und ihr Kampf gegen Stereotype und Fremdenhass. Hier setzt der zweite Teil an und erweitert die Perspektive, indem er sich allgemeiner dem anti-asiatischen Rassismus in Deutschland widmet und durch Interviews mit Betroffenen, Journalist*innen, Sozialwissenschaftler*innen, Künstler*innen u.a. Einblicke in alltägliche Diskriminierung und die daraus resultierende Wut gibt, woraus auch Kraft für Widerstand und Empowerment gezogen wird.

Der Film entstand aus dem 2021 von RTLZWEI gegründeten „DokuLab“, das sich als Kreativwerkstatt für Dokumentarfilme versteht, die einem jungen Publikum gesellschaftlich relevante Themen nahebringen. Bedauerlicherweise ist das Lab mittlerweile eingestellt worden.

 

Begründung:

Alltagsrassismus gegenüber Asiat*innen, Hypersexualisierung asiatisch gelesener Frauen, vorgelagerte Stereotype und Ressentiments, sexualisierter Rassismus bis hin zu Gewalt und Femiziden – hierbei handelt es sich um einen Themenkreis von Mehrfachdiskriminierung, dem im öffentlichen Diskurs, nicht nur im Medium Fernsehen, selten Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Der Zweiteiler von Claudia Tuyết Scheffel und Quỳnh Lê Nguyễn sticht in diese Leerstelle. Mit einer engagierten, aber ruhigen, respektvollen Erzählweise, präzisen Bildsprache und beeindruckend analytischen Sachlichkeit gelingt den beiden Filmemacherinnen eine inhaltlich kluge, formal souveräne und dabei stets eindringliche, sensible Arbeit.

Der Film vermeidet konsequent die Täter*innenperspektive, die sich die mediale Tagesberichterstattung zum Mordfall sofort zu eigen gemacht hatte. In konzentrierter und dichter Narration, mit einem scharfen Blick für Details und Zusammenhänge wird der Fall rekonstruiert und auf die rassistischen Einzeltatmotive genauso wie auf gesellschaftlich fest verankerte Vorurteile und Fantasien seziert. Dabei nehmen sich die Filmemacherinnen etwa auch den Raum für innovativ kreative visuelle Lösungen, wie z.B. Dreharbeiten in einem Modellnachbau der Tatortstraße in Dessau, der Stadt des Bauhauses. Zugleich gelingt es in den beiden aufeinander aufbauenden Teilen, den Fokus auf die allgemeine Problematik anti-asiatischen Rassismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu erweitern, ohne dass der Mord an Lǐ Yángjié bloß zum Ausgangspunkt für etwas anderes gemacht wird. Durch überzeugend ausgewählte O-Töne einer Vielzahl von Interviewpartner*innen – starke Positionen und Perspektiven von Publizist*innen, Musiker*innen, Wissenschaftler*innen, engagierten Bürger*innen u.a., die jeweils selber asiatisch gelesen Betroffene sind – werden sowohl die alltäglichen fremdenfeindlichen Sicht- und Denkweisen, sowohl die gewaltsamen (sexistisch-)rassistischen Handlungen als auch die selbstermächtigten Bewältigungsstrategien und die Bereitschaft der Opfer zum Widerstand unter die Lupe genommen sowie zugleich sozialwissenschaftlich reflektiert und eingeordnet. Weil die Gesprächspartner*innen uns Einblick gewähren in teils erschütternde Erfahrungen, diese aber selbst immer auch sozial und politisch kommentieren, erlauben sie es dem Film, gänzlich auf einen Off-Text verzichten zu können, was ihm eine besondere dokumentarische Kraft und Authentizität verleiht. „Hass.Hetze.Hoffnung“ ist dokumentarisches Fernsehen im besten Sinne, das verschiedensten Zielgruppen das wertvolle Angebot macht, in sachlicher Form informierend zur gesellschaftlichen Bildungsarbeit beizutragen.

 
Zurück