62. Grimme-Preis 2026

Grüße vom Mars

(Leitwolf/Kinescope Film für NDR/hr/KiKA/MDR)

 

Grimme-Preis an:

 

Sebastian Grusnick (Buch)

Thomas Möller (Buch)

Sarah Winkenstette (Regie)

Jakob Berger (Bildgestaltung)

Theo Kretschmer (Darstellung)

Anton Noltensmeier (Darstellung)

Lilli Lacher (Darstellung)

 

Erstausstrahlung: KiKA, Freitag, 26. Dezember 2025, 19.35 Uhr

Sendelänge: 78 Minuten

 

Inhalt:

Der Familienfilm „Grüße vom Mars“ erzählt die Geschichte eines aufgeweckten Jungen im Autismus-Spektrum, der die Welt auf seine ganz eigene Weise wahrnimmt. Als seine Familie vor Veränderungen steht, die seinen gewohnten Alltag durcheinanderbringen, entwickelt seine Mutter einen ungewöhnlichen Plan: Der mehrwöchige Aufenthalt bei seinen Großeltern wird zu einer Raumfahrtmission, bei der jede Herausforderung wie eine Expedition zu einem fremden Planeten erscheint. Gemeinsam mit seinen Geschwistern begibt er sich auf eine Reise voller Missverständnisse, Mutproben und zärtlicher Annäherungen. Während Konflikte, Überforderung und große Gefühle den Aufenthalt bestimmen, wächst das Trio enger zusammen. Der Film verbindet Humor und Ernsthaftigkeit und zeigt sensibel, wie ein Junge mit Autismus seine Umwelt erlebt – zwischen Reizüberflutung, klarer Logik und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit. Am Ende wird deutlich: Jede Perspektive eröffnet eine eigene, wertvolle Sicht auf die Welt.

 

Begründung:

„Grüße vom Mars“ überzeugt als herausragender Familienfilm, weil er das Aufwachsen eines Jungen im Autismus-Spektrum mit außergewöhnlicher Sensibilität, Genauigkeit und erzählerischer Kraft schildert. Besonders gelungen ist die Darstellung seiner Wahrnehmung: Geräusche werden überwältigend, soziale Situationen erscheinen rätselhaft, Routinen geben Sicherheit. Der Film macht diese Innenwelt nicht nur sichtbar, sondern spürbar. Das Publikum erlebt Überforderung, Rückzug und kreative Bewältigungsstrategien unmittelbar mit – ohne zu dramatisieren oder zu vereinfachen.

Die beiden Autoren Sebastian Grusnick und Thomas Möller finden dafür eine ebenso kluge wie poetische Form. Die Idee, Herausforderungen als „Weltraummission“ zu begreifen, übersetzt innere Vorgänge in starke Bilder und ermöglicht Nähe, ohne zu erklären oder zu belehren. Dialoge sind präzise, respektvoll und oft von feinem Humor getragen. Konflikte entstehen glaubwürdig aus Situationen, nicht aus Klischees.

Regisseurin Sarah Winkenstette führt diese Tonlage sicher und einfühlsam. Sie vertraut ihren jungen Darsteller*innen, lässt Raum für leise Momente und wahrt zugleich eine klare Dramaturgie. Besonders bemerkenswert ist, wie konsequent die Perspektive des Jungen ernst genommen wird: Seine Sicht ist keine Randnotiz, sondern das emotionale Zentrum der Erzählung.

Die Bildgestaltung arbeitet mit klaren Kompositionen und sensibler Nähe, um Überreizung, Fokus und Detailwahrnehmung erfahrbar zu machen. Subtile Veränderungen in Schärfe, Rhythmus und Klanggestaltung spiegeln innere Spannungszustände. Der Ton macht Reizüberflutung körperlich nachvollziehbar und schafft zugleich intime, ruhige Räume, in denen sich Nähe entwickeln kann.

Nicht zuletzt ist die Darstellung des Geschwistertrios außergewöhnlich. Theo Kretschmer, Anton Noltensmeier und Lilli Lacher spielen mit beeindruckender Authentizität, Wärme und Energie. Ihre Dynamik wirkt natürlich und vielschichtig: zwischen Solidarität, Eifersucht, Überforderung und bedingungsloser Loyalität. Gerade in ihrem Zusammenspiel entfaltet sich eine berührende Glaubwürdigkeit, die den Film trägt.

Insgesamt gelingt „Grüße vom Mars“ ein differenziertes, hoffnungsvolles Porträt von Familie und Anderssein. Der Film stärkt Empathie, erweitert Perspektiven und zeigt, dass Vielfalt keine Hürde, sondern eine Bereicherung ist – erzählerisch klug, künstlerisch überzeugend und gesellschaftlich relevant.

 
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