... für ihre ruhig erzählten und analytisch herausragenden Berichte aus der arabischen Welt. (ZDF)
Begründung:
Golineh Atai leitet das ZDF-Studio in Kairo. Ihr Berichtsgebiet umfasst nicht nur Ägypten, sondern weite Teile der arabischen Welt. Sie ist damit zuständig für ein Gebiet, in dem weit mehr als 300 Millionen Menschen leben. Es ist eine Region, über die zu berichten eine Herausforderung ist. 2025, in einem Jahr der vielen Krisen und Kriege, galt das ohnehin. Atai bewältigt sie bravourös.
Nicht nur verlangt eine fundierte Berichterstattung Kenntnisse, die man sich nicht in ein paar Monaten anlesen kann. Nicht nur verlangt sie politische und kulturelle Analysefähigkeiten. Sie verlangt zudem ein Gespür für das Fernsehpublikum, das zum Teil gewiss gut vorinformiert ist, das zum Teil aber auch Perspektiven auf die arabische Welt mitbringt, die von deutschen innenpolitischen Debatten geprägt sind.
Golineh Atai gelingt die Vermittlung hervorragend. Sie differenziert, ohne unverständlich zu sein. Sie erklärt, ohne pädagogisch zu wirken. Sie vereinfacht, ohne Komplexität zu leugnen. Wer ihre Arbeit verfolgt, erfährt, dass der arabische Raum nicht viel gemein hat mit den Zerrbildern arabischer Menschen, die im Umlauf sind. Von ihr bekommt man im Zweifel eine Einführung in Geschichte, Kohorten und Milieus jedes einzelnen Landes.
Atai stellt in ihren Filmen, die von Sachlichkeit und Empathie geprägt sind, häufig die Menschen ins Zentrum. Beispielhaft ist ein historisch informierter Beitrag über geschiedene Frauen im Irak. Er beginnt – wie viele ihrer Filme – mit einer persönlichen Geschichte. Wo er zu Ende sein könnte, leitet sie dann aber über zu einer Analyse der politischen Gesamtsituation. Sie zoomt nah heran und zeigt ein weites politisches Panorama; beides zieht sich durch ihre Arbeit.
Das ganze Jahr über verfolgt eine kleine Gruppe von Medienjournalist*innen für das Grimme-Institut die Arbeit von Korrespondentinnen und Korrespondenten, sichtet kurze Beiträge in Magazinen und vollzieht die Aufbereitung investigativer Recherchen nach. Diese Gruppe hatte Atai 2025 durchgehend auf dem Schirm. Schon Anfang des Jahres überzeugte sie mit ihrem analytischen 30-Minüter „Syrien nach Assad“. Ende des Jahres folgte eine weitere halbstündige Doku. Zwischendurch berichtete sie immer wieder über Syrien, etwa über die erneute Gefahr der Destabilisierung. Das Land, das in den Nachrichten mittlerweile selten auftaucht, ist vor allem dank Atais Arbeit im ZDF präsent. Auch Filme aus dem Libanon oder Irak zeigen die Qualität.
Hervorzuheben sind zudem ihre Schaltgespräche – auch sehr ausführliche –, die enorm aufschlussreich sind. So erklärte Atai etwa, wie sich die arabische Welt zum Gaza-Krieg positioniert. Sie bleibt in diesen Schalten nicht deskriptiv, sondern geht verlässlich unter die Oberfläche des Geschehens.
Das tut sie auch in ihren Beiträgen, die ohne Effekte auskommen. Auf Thesen um der Thesen willen verzichtet sie. Die Off-Texte sind klar in der Wortwahl, sachlich und verständlich. Sie gibt den verschiedenen Seiten Raum, verfällt aber darüber nie in einen „He said, she said“-Journalismus, sondern bietet eine Einordnung des Gesagten an.
Die Jury hat bei der Bewertung herangezoomt und den Fokus geweitet – und betrachtet ihre Arbeit im Ganzen als besondere journalistische Leistung.
