62. Grimme-Preis 2026

Gerry Star

(Pyjama Pictures/Prater Film/Amazon Studios für Prime Video)

 

Grimme-Preis an:

 

Max Wolter (Buch/Regie)

Tom Gronau (Buch/Regie)

Sascha Nathan (Stellvertretend für das Ensemble)

Franziska Annekonstans Winkler (Stellvertretend für das Ensemble)

 

Erstveröffentlichung: Prime Video, Freitag, 10. Januar 2025, 9.00 Uhr

Sendelänge: 8 x 18 - 24 Minuten

 

Inhalt:

Gerry (Sascha Nathan) ist so ziemlich alles, aber kein Star. Sondern ein chronisch erfolgloser Musikproduzent, der sein Studio direkt im Bowling-Center betreibt, in dem er praktischerweise auch gleich wohnt und für seinen Lebensunterhalt jobbt. Doch auch hier ist Großmaul Gerry nur geduldet, weil er Bowlingbahn-Besitzerin Becky (Andrea Sawatzki) versprochen hat, ihre Tochter Stella (Franziska Annekonstans Winkler) ganz groß 'rauszubringen. Oder zumindest bis zum DSC, der sich zwar schwer nach ganz großer Eurovision anhört, hinter dem sich in Wirklichkeit aber nur der piefige Deggendorfer Song Contest verbirgt. Und dessen Impresario ist zu allem Überfluss noch Gerrys alter Bandpartner Ingo Rose (Robert Stadtlober), der es im Gegensatz zum personifizierten Schrecken der Bowlingbahn wenigstens ein kleines bisschen im Musikbusiness geschafft hat. Das kann Gerry nicht auf sich sitzenlassen und schon gar nicht aufhalten. Und so rumpelt er mit der aus dem restlichen Personal der Bowlingbahn schnell zusammengeschraubten Band „Family Strike“ durchs unvermeidliche Chaos, stößt alles und jeden vor den Kopf und springt in schönster, vor Bräsigkeit triefender Selbstüberschätzung von einem Fettnapf in den nächsten.

 

Begründung:

Gerry Star ist der sympathischste Unsympath des deutschen Fernsehjahres 2025. Ein Loser zum ultimativen Fremdschämen, hinter dessen speckiger Fassade aber ein großes Herz schlägt. Sascha Nathan spielt diesen Gerry in einer körperlichen Aufdringlichkeit, die einen als Zuschauer*in mit tiefer Dankbarkeit erfüllt, dass das immersive Fernsehen weiter auf sich warten lässt. Das atmet mehr als nur einen Hauch „Die Discounter“ oder „Stromberg“, wobei der Loser in Gerry noch deutlich konsequenter angelegt ist und durchdekliniert wird. Trotzdem schafft er es, sich mittels perfekter Realitätsverweigerung immer wieder aus den absurdesten Situationen und Sackgassen herauszulavieren.

Das funktioniert auch deshalb so gut, weil ihm seine restlichen Mitmenschen auf der Bowlingbahn des Lebens in treuer Verzweiflung ergeben sind. So bangen sie mehr als sie hoffen, dass Gerry auch dieses Mal wieder noch gerade so die Kurve kriegt – nur um in den nächsten umso verlässlicher erneut 'rauszufliegen. Franziska Annekonstans Winkler spielt die Leadsängerin Stella als Mischung aus verwöhnter Tochter und klassischer Heldin, die vor allem ein bisschen doof wirkt – bis sie zu singen anfängt. Als ständige Begleiter in der Band und im mütterlichen Betrieb stehen ihr Waldschrat Micha (Lars Rudolph) am Schlagzeug und Bowlingbahn-Koch Big B (Noah Tinwa) am Bass zur Seite.

Natürlich kann das nie gut gehen, aber trotzdem baut das achtteilige Mockumentary in seinem Verlauf den irrationalen Wunsch, ja sogar die ganz leise Zuversicht auf, es könnte allem Fremdschämen zum Trotz irgendwie doch noch klappen. Aber spätestens, wenn sich dann alle anderen endlich nicht auch noch selbst im Weg stehen, ist Gerry verlässlich zur Stelle, und peinliche Stille breitet sich aus – auf und vor allem vor dem Monitor.

Mit „Gerry Star – Der (schlechteste) beste Produzent aller Zeiten“ knüpft die Produktionsfirma Pyjama Pictures stilistisch an Erfolge wie „Die Discounter“ an, Tom Gronau und Max Wolter (Buch und Regie) gehen in ihrer Überzeichnung des darstellenden Personals aber noch einen ganzen Schritt weiter. So entlarvt „Gerry Star“ die Abgründe gesellschaftlicher Konventionen und Rassismus, pfeift auf politische Korrektheit, moralische Werte sowie jegliche Form von gutem Geschmack. Und das eben nicht diskret-elegant nebenbei, sondern mit von Folge zu Folge wachsender Begeisterung so rustikal wie wuchtig mitten auf die Zwölf.

So entsteht aus der Diskrepanz zwischen den hochfliegenden Plänen und Träumen und dem ungebremsten Aufprall jeder Sehnsucht auf die Realität eine irre komische Geisterbahnfahrt der Gefühle, die nicht gar nicht weise sein will. Sondern einfach gute, preiswürdige Unterhaltung.

 
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