(Achtung Panda!/Tripod/Istos/Jip/Tarabya Alumni-Fonds für ZDF/ZDF – Das kleine Fernsehspiel)
Grimme-Preis an:
Claudia Schaefer (Buch)
Aslı Özarslan (Buch/Regie)
Melia Kara (Darstellung)
Erstausstrahlung: ZDF, Montag, 20. Oktober 2025, 0.05 Uhr
Sendelänge: 79 Minuten
Inhalt:
Die Musik ist laut, Rauch liegt in der Luft – und vier junge Frauen wirbeln lachend und tanzend durchs Zimmer. Die Stimmung in der Weddinger Wohnung ist beschwingt. Schließlich ist heute nicht irgendein Abend, sondern Hazals 18. Geburtstag.
Hazal freut sich auf die Flucht vom Alltag. Nicht an das Vorstellungsgespräch denken zu müssen, bei dem ihr mal wieder kein Ausbildungsplatz angeboten wurde. Nicht an den Ladendetektiv, der sie des Diebstahls verdächtigt und dann auch noch 100 Euro eingesackt hat. Das alles ist jetzt nicht wichtig. Denn heute geht es in den geilsten Club der Stadt. Doch Hazals Hoffnungen zerplatzen noch vor der Tür. „Heute nur für Stammgäste“, wirft der Türsteher den Freundinnen entgegen, keine Diskussion.
Frustriert machen sich die drei auf den Rückweg. Als ein Student Hazal in der U-Bahn-Station sexistisch belästigt, eskaliert die Situation. Am Ende einer gewalttätigen Auseinandersetzung liegt der junge Mann regungslos am Boden, und die Freundinnen beschließen abzuhauen. Für Hazal ist klar: Sie muss hier weg. Hals über Kopf flieht sie ins ihr unbekannte Istanbul.
Begründung:
In „Ellbogen“, Aslı Özarslans Verfilmung des gleichnamigen Romans von Fatma Aydemir, werden wir ohne Umschweife in Hazals Geschichte katapultiert und konsequent an die Perspektive der jungen Protagonistin gebunden.
Die Kamera ist unglaublich nah an Hazal: ruhelos, suchend, körperlich, immer in Bewegung. Eine Gesprächssimulation, einen Lebenslauf und eine Zigarette später, sitzen wir mit Hazal im Vorstellungsgespräch, hören, wie sie danach die Tür ins Schloss knallt, hetzen mit ihr in die U‑Bahn, sehen die Enttäuschung in ihrem Gesicht. Schnell ist klar: Wir Zuschauende sind nicht hier, um es uns gemütlich zu machen. Der Rhythmus der Bilder zieht uns mit, hält kaum inne, als könne auch die Erzählung nicht durchatmen.
„Ellbogen“ erklärt nicht, glättet nicht, ordnet nicht. Bedeutung entfaltet sich in Gesprächen, in Räumen, in Körpersprache. Wir blicken in Hazals Gesicht, sehen, wie sich ihr Mundwinkel verzieht, hören, wie sie die Spüle schrubbt, wie sie hektisch ein‑ und ausatmet.
Özarslan, die Regie geführt und gemeinsam mit Claudia Schaefer das Buch geschrieben hat, lässt Hazal in ihrer Inszenierung nie los. Ebenso wie Be- und Abwertungen Hazal in dieser Geschichte nicht loslassen. Menschen stecken sie unentwegt in Kategorien, schreiben ihr zu, wer sie angeblich (nicht) ist, wer sie (nicht) werden kann: „nicht gebildet“, „nicht eine von uns“, „nicht wohlhabend“, „nicht genug“ … Das ist in Berlin so, und das wird Hazal auch in Istanbul begleiten.
Der Adaption gelingt es nicht nur, den Druck, den unterschiedliche Diskriminierungsformen auf Hazal ausüben, in Form und Rhythmus zu übersetzen, sie zeigt ebenso, welche Strategien Hazal nutzt, um sich zu behaupten, um sich – wie sie es sagt – unter keinen Umständen „zum Opfer machen zu lassen“.
Und ja, Hazals Entscheidungen sind diskutierbar, zum Teil höchst strittig. Aber genau das macht die Glaubwürdigkeit der Protagonistin und damit die Wucht von „Ellbogen“ aus. Wir begleiten Hazal in ihrer Verletzlichkeit genauso wie in ihrer Wut, erleben sie hart wie weich, ebenso unsicher wie entschlossen. Wir sehen, wie sie vieles einstecken muss, aber auch austeilt. Widersprüche werden hier nicht nur aufgezeigt, sondern auch ausgehalten. Dass Hazal in ihrer Uneindeutigkeit fassbar wird, ist vor allem auch Hauptdarstellerin Melia Kara zu verdanken, die es versteht, das Innere ihrer Figur durch minimale Verschiebungen – eine veränderte Haltung, ein Atemzug, ein Blick – nach außen zu kehren.
All das macht „Ellbogen“ zu einer kompromisslos klugen Adaption – mit einer kraftvollen Identifikationsfigur und einer klaren erzählerischen Haltung. Ein wichtiger Film, der den Zuschauenden im besten Sinne keine Ruhe lässt.
