62. Grimme-Preis 2026

Die Nichte des Polizisten

(W&B Television für SWR/NDR)

 

Grimme-Preis an:

 

Rolf Basedow (Buch)

Nicole Armbruster (Buch)

Gabriela Sperl (Buch)

Dustin Loose (Regie)

Magdalena Laubisch (Stellvertretend für das Ensemble)

Clemens Baumeister (Bildgestaltung)

 

Erstveröffentlichung: Das Erste, Mittwoch, 8. Oktober 2025, 20.15 Uhr
Sendelänge: 90 Minuten

 

Inhalt:

Die Anfang-Zwanzigjährige Polizeianwärterin Rebecca Henselmann kämpft ehrgeizig und hochmotiviert in einer baden-württembergischen Polizeieinheit um einen Platz im Stammpersonal. Nur an den Wochenenden fährt sie nach Thüringen, um ihren Onkel Werner zu besuchen – ihr Vorbild, bei dem sie aufwuchs und der früher selbst als Polizist für den Staatsschutz tätig war. Als Teil einer Spezialeinheit wird Rebecca bald in verdeckten Ermittlungen eingesetzt. Zwischen schonungslosem Leistungsdruck am Böblinger Ausbildungsort, dem Einfinden in der Truppe und Undercover-Einsätzen im Kampf gegen Drogen- und Waffenhandel wird die junge Anwärterin mit rechten Tendenzen in den eigenen Reihen konfrontiert und entdeckt machtmissbräuchliche Verbindungen, die bis in die rechtsextreme Szene ihres Thüringer Heimatortes hineinreichen. Verbindungen, die immer bedrohlicher für sie selbst werden.

Ohne Namen zu benennen, orientiert sich „Die Nichte des Polizisten“ am Mord der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn im April 2007, der den Rechtsterroristen des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zugeordnet wird und nie vollständig aufgeklärt wurde.

 

Begründung:

„Diese Geschichte ist fiktional. Aber nicht nur. Auch das Mögliche, Verlorene und Vergessene wird erzählt“, heißt es zu Beginn. Unmissverständlich verweist „Die Nichte des Polizisten“ auf den Mord der Polizistin Michèle Kiesewetter, der dem sogenannten NSU zugeschrieben wird und dessen Ereignisse nie vollständig aufgeklärt wurden. Um Rekonstruktion oder Aufklärung aber geht es hier nicht. Regisseur Dustin Loose nutzt die filmischen Mittel einer Fiktion, um eine eindringliche Reflexion über institutionelle Blindstellen, bedrohliche Machtgefüge und Fragilität unserer Sicherheit zu formen.

Zwischen Konkurrenzkampf und Korpsgeist spannt sich das komplexe emotionale Feld auf, in dem sich die junge Polizeianwärterin Rebecca behaupten muss. Die herausragend geführte Kamera von Clemens Baumeister bleibt dicht bei ihr, rückt mit unter den Schutzhelm bei einem Zusammenstoß mit aggressiven Hooligans, in dem Rebecca fast die Sicherheit der Kompanie gefährdet. In beeindruckend physischer Präsenz zeigt Magdalena Laubisch ein körperliches Aufgeladensein und die unbändige Willenskraft ihrer Figur, nicht weniger als das Maximum aus sich herauszuholen. Blessuren werden wie Auszeichnungen getragen, der Druck weggefeiert – so ist es üblich in der vor allem männlich dominierten Truppe. Ein Rechtsrock-Song wird sanft wegermahnt, während die Einheit ein kompromissloses Wir-Gefühl einfordert, das auch über das Gesetz gestellt wird. In feinen Schattierungen entfaltet der Film einen besonderen Mikrokosmos, in dem die Nachwuchspolizistin ihren Platz mit zunehmend ambivalenten Gefühlen finden muss.

Gabriela Sperl, Nicole Ambruster und Rolf Basedow haben sorgfältig recherchierte Details in das Drehbuch eingewoben und ziehen biografische Parallelen: Wie Michèle Kiesewetter stammt auch die Figur der Rebecca aus Thüringen. In der Dorfdisco verkehrt die rechte Szene, die erst durch die V-Leute des Verfassungsschutzes so groß geraten konnte. Stimmig erzählt der Film vom Möglichen, wenn die Polizistin fortschreitend ins Visier von Rechtsextremisten gerät, deren Netzwerke von Osten bis Süden und in die eigenen Reihen der Polizei reichen. Vieles bleibt angedeutet, ohne an dramaturgischer Dichte einzubüßen und formt klug eine Geschichte, die in der Breite gedacht werden kann.

Am Ende leuchtet eine Taschenlampe hilflos, nahezu verzweifelt in dunkles Dickicht. Dazu wummert Gigi D´Agostinos „L´Amour toujour“ – jener Song, den Rechte mit rassistischen Parolen überschrieben und nicht nur auf einer Sylter Party lauthals mitgegrölt hatten. Der Nachhall ist ebenso brisant wie beunruhigend: Werden rechte Tendenzen in staatlichen Institutionen hingenommen, wird unsere Sicherheit zur Unsicherheit. Filme wie dieser lassen uns hinsehen.

 
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