(X Filme Creative Pool & True Content Entertainment/EPO-Film/Beta Film für ZDF/DR/New8)
Grimme-Preis an:
Jan Schomburg (Buch)
Dustin Loose (Regie)
Kaspar Munk (Regie)
Nils Strunk (Stellvertretend für das Ensemble)
Karen-Lise Mynster (Stellvertretend für das Ensemble)
Erstveröffentlichung: ZDF Streaming-Portal, Samstag, 22. März 2025, 10.00 Uhr
Sendelänge: 8 x 45 Minuten
Inhalt:
Steuererstattung auf Kapitalerträge, ohne vorher Steuern an das Finanzamt zu zahlen? Der junge deutsche Finanzfachmann Sven Lebert (Nils Strunk) und sein Chef Bernd Hauser (Justus von Dohnányi) entwickeln ein abenteuerliches illegales Aktiendeal-Modell, das am Anfang in der Branche nur für Stirnrunzeln sorgt – dann aber wie eine Bombe bei privaten Investoren einschlägt. Bald sind die beiden kriminellen Finanzjongleure mit ihrem Modell in verschiedenen Ländern unterwegs. In Dänemark kämpfen indes der Finanzbeamte Niels Jensen (David Dencik) und seine Chefin Inger Brøgger (Karen-Lise Mynster) darum, dass das fiskale Getrickse als Steuerbetrug benannt und als solches geahndet wird. Doch die Bemühungen laufen ins Leere – von Seiten der dänischen Regierung heißt es, man wolle die Finanzwirtschaft nicht mit noch mehr Bürokratisierung belasten. Ähnliches muss sich zuerst auch die deutsche Staatsanwältin Lena Birkwald (Lisa Wagner) anhören. Trotzdem bleibt sie Lebert und Hauser auf den Fersen, selbst als sich einer der beiden in die Schweiz absetzt. Erst spät erhält die Juristin Unterstützung aus der Politik. Aber da sind wohl schon rund zehn Milliarden Steuern am Staat vorbeigegangen.
Begründung:
Filme und Serien über Finanzskandale sind ein Widerspruch in sich: Sie müssen jene wirtschaftskriminellen Vorgänge bebildern, deren Verstrickungen sich eben kaum bebildern lassen. Die Schöpfer von „Die Affäre Cum-Ex“ lösen diesen Widerspruch so lustvoll wie intelligent auf.
Über acht Folgen werden immer neue Analogien und Versuchsanordnungen aufgefahren, die jene Betrügereien nachvollziehbar machen, die zu dem wohl größten Steuerverbrechen führten, das je in Deutschland aufgedeckt wurde. Gleichzeitig werden starke, verstörende und grausam-lustige Szenen für die Dekadenz der Steuer-Asis gefunden.
In einer Szene wird ein Okapi (Kurzhalsgiraffe) gegrillt, in einer anderen ahmt ein Finanzmakler in Dubai auf einer Luxuskarosse Geschlechtsverkehr nach. Wie jeder Finanzthriller handelt auch „Die Affäre Cum-Ex“ von Enthemmung und Eskalation, und er findet dafür Bilder, wie man sie im deutschen Fernsehen selten sieht – fast könnte man von einer Ikonographie des Ekels sprechen.
Aber das Autorenteam, bestehend aus Jan Schomburg (auch Idee), Astrid Øye und Pål Sletaune, das die Drehbücher nach Recherchen von dänischen und deutschen Journalisten verfasst hat, berichtet auf einer zweiten Ebene zugleich von einer sehr viel subtileren Form des Moralverlusts. Da geht es um eine deutsche Finanzelite ohne Unrechtbewusstsein, die sich auf der sicheren, überlegenen Seite wähnt, während sie ohne jeden Skrupel die Gesellschaft ausnimmt. Oder wie es der von Justus von Dohnányi als Dr. Berger mit nonchalanter Widerwärtigkeit sagt: „Wenn hier irgendjemand im Raum ein Problem damit hat, dass wegen uns ein paar Kindergärten weniger gebaut werden, der kann den Raum verlassen.“
Den Schauspielern gelingt das Kunststück, das Publikum ein Stück mit in die Verrohung ihrer Figuren mitzunehmen. Sie spielen mit brutalem Charme, abgründigem Witz und vor allem mit kluger Psychologie. Gegen die Karossen-Bumser und Okapi-Fresser aus London oder Dubai wirken die beiden zuerst wie provinzielle Biedermänner – die mit ihrem Steuerbetrug aber sehr viel größeren Schaden für die Allgemeinheit anrichten als jeder protzige Finanzhai. „Die Affäre Cum-Ex“ ist großes Schauspielkino.
Auch weil auf dänischer Seite auf hohem darstellerischen Niveau gegengehalten wird. Anrührend und ambivalent spielen Karen-Lise Mynster und David Dencik in den Spielszenen in Kopenhagen die Ritter der traurigen Gestalt, die in ihrem Kampf für Steuergerechtigkeit in die Windmühlen staatlicher Willkür laufen.
Dank der Regie von Dustin Loose und Kaspar Munk hält die Serie bis zum Schluss ihr hohes Energie- und Unterhaltungslevel. Aber noch wichtiger: „Die Affäre Cum-Ex“ löst auf grandiose Weise das Versprechen ein, als europäisches Fernsehprojekt grenzüberschreitend zu funktionieren. Die Serie ist nichts Geringeres als ein großes Sittengemälde, dem zwischen London, Kopenhagen, Dubai und Köln bei allem Spaß an der Darstellung des Bösen niemals der moralische Kompass verloren geht.
