(Kurhaus Production/Kijiweni Productions für ZDF/ZDF – Das kleine Fernsehspiel)
Grimme-Preis an:
Agnes Lisa Wegner (Buch/Regie)
Cece Mlay (Buch/Regie)
Erstausstrahlung: ZDF Streaming-Portal, Freitag, 23. Mai 2025, 10.00 Uhr
Sendelänge: 95 Minuten
Inhalt:
Der tansanisch-deutsche Dokumentarfilm „Das leere Grab" von Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay erzählt von den bis heute spürbaren Folgen der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania. Im Zentrum stehen zwei Familien, die um die Rückführung der Gebeine ihrer Vorfahren kämpfen. Der junge Anwalt John Mbano und seine Frau Cesilia suchen nach dem Schädel ihres Urgroßvaters Nduna Songea Mbano, eines Anführers im Maji-Maji-Krieg, der 1906 von der deutschen Kolonialarmee hingerichtet wurde. Sein Schädel wurde nach dem Begräbnis abgetrennt und zu rassistischen „Forschungszwecken“ nach Deutschland gebracht. Ihre Suche führt das Ehepaar bis nach Berlin, wo sie gemeinsam mit Aktivist*innen wie Mnyaka Sururu Mboro die zuständigen Institutionen konfrontieren. Parallel kämpfen Felix und Ernest Kaaya im Norden Tansanias gegen bürokratische Hürden auf deutscher wie tansanischer Seite, um die Gebeine ihres Vorfahren zurückzuholen. Selbst der historische Besuch von Bundespräsident Steinmeier, der in Songea im Süden Tansanias als erster deutscher Politiker für die Kolonialverbrechen um Verzeihung bittet, bringt den Familien keine Rückgabe. Bis heute lagern zehntausende menschliche Gebeine aus ehemaligen Kolonien in den Depots deutscher Museen und Universitäten.
Begründung:
„Das leere Grab“ von Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay ist ein Film von großem Engagement, der ein filmisch bislang kaum beleuchtetes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte aufarbeitet. Der Film gibt der oft abstrakten Restitutionsdebatte ein zutiefst menschliches Gesicht und macht das transgenerationale Trauma sichtbar, das in den Familien fortwirkt.
Bemerkenswert ist die konsequent starke tansanische Perspektive. Die Passagen in Tansania überzeugen in besonderem Maße, weil sie das Leben, die Geschichte und die Biografien der Menschen vor Ort realistisch und würdevoll darstellen. Die Kamera beobachtet geduldig, wie die Familien Mbano und Kaaya mit dem transgenerationalen Trauma der Kolonialzeit leben, wie Cesilia im Klassenzimmer die schmerzhafte Geschichte ihrer Familie erzählt und wie die Dorfgemeinschaften sich am Grab von Nduna Songea Mbano versammeln. Der Film zeigt, lokal verankert und kulturell sensibel, Rituale, Trauer und Träume der Betroffenen, ohne sie zu exotisieren.
Die didaktische Anlage des Films, die Sachwissen und persönliche Geschichten klug miteinander verwebt, trägt in diesem Fall besonders gut. Szenen und Interviews sind so verknüpft, dass ein anregend dichtes, aber nie einengendes Geflecht aus Information und Emotion entsteht. Der Film unterscheidet sich wohltuend von vielen ähnlichen Dokumentarformaten. Auf deutscher Seite verschiebt sich der formale Ton zwar merklich, wenn beispielsweise die Musik einsetzt und sich die Erzählung verdichtet, doch gerade diese Verschiebung macht eine Spannung sichtbar, die dem Thema fundamental innewohnt.
Auf den ersten Blick scheint die Restitutionsfrage im Film beinahe einvernehmlich behandelt zu werden, was eine gewisse Romantisierung nahelegen könnte. Doch bei genauerer Betrachtung machen verschiedene Schlüsselmomente unmissverständlich klar, dass der Weg zur Aufarbeitung alles andere als einfach ist: Mnyaka Sururu Mboro, der seit über 40 Jahren in Deutschland lebt und Jahrzehnte für kleine Fortschritte wie eine Straßenumbenennung gebraucht hat. Ein Bundespräsident, der als erster deutscher Politiker überhaupt diese Entschuldigung ausspricht – und dennoch das leere Grab nicht mit den geraubten Gebeinen der Verstorbenen füllen kann. Dass die Museumsdebatten, die auf tansanischer Seite durchaus im Film präsent sind, auf deutscher Seite eine spürbare Leerstelle bilden, gehört zu den stillen, aber wirkungsvollen Aussagen des Films. Er benennt diese Asymmetrie nicht anklagend, sondern macht sie durch sein Erzählen sichtbar. Dem Film „Das leere Grab" gelingt es, der globalen Debatte um Restitution eine zutiefst menschliche Dimension zu geben und zugleich die politische Komplexität des Themas nicht zu verschweigen. Ein wichtiger und überfälliger Film.
