55. Grimme-Preis 2019

Kulenkampffs Schuhe (zero one film für SWR/HR)

 

Grimme-Preis an

Regina Schilling (Buch/Regie)

 

Produktion: zero one film

Erstausstrahlung: Das Erste, Mittwoch, 08.08.2018, 22.30 Uhr

Sendelänge: 92 Min.


Inhalt

„Einer wird gewinnen“, „Dalli Dalli“ oder die „Peter-Alexander-Show“ – In den Sechzigern und Siebzigerin sind die Fernseh-Unterhaltungsshows in der Bundesrepublik das massenmediale Äquivalent zu „Vita Buerlecithin“ oder „Klosterfrau Melissengeist“ in den Verkaufsregalen des Vaters von Regina Schilling. Frei verkäufliche Medizin. Als selbständiger Drogist weiß er, was die Kundschaft will und stirbt doch selbst früh. Über Kriegserfahrungen spricht er nie. Eine Leerstelle, die in „Kulenkampffs Schuhe“ durch Sender-Archivmaterial und private Aufnahmen, durch neues Sehen des vermeintlich Altbekannten und durch subjektive Wiedererzählung gefüllt wird. Beim rein Anekdotischen aber bleibt dieser Film nicht stehen. Wie Schillings Familie lassen sich die meisten Rundfunkteilnehmer am Samstagabend von Wirtschaftswunder und Verdrängungsanstrengungen erfolgreich ablenken. Die Sendungen sind auf ihre Weise Garanten des Wiederaufbaus. In „Kulenkampffs Schuhe“ spürt Schilling dem doppelten Boden dieser Formate, ihrer therapeutischen Funktion und den gebrochenen Biografien ihrer Moderatoren nach. Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal oder Peter Alexander sind Ersatzväter und Schutzfiguren – und nicht zuletzt Mitwirkende am Auftrag der Re-Education.

 

Stab

Buch: Regina Schilling

Regie: Regina Schilling

Schnitt: Jamin Benazzouz, Luise Hofmann

Ton: Kai Tebbel

Produzent: Thomas Kufus

Redaktion: Simone Reuter (SWR), Sabine Mieder (HR)

 

Jurybegründung

In Hans Rosenthals Schnelldenker-Show „Dalli Dalli“ befüllen Kandidaten einmal eine große Maschine mit Porzellanscherben. Auf wunderliche Weise erscheinen am Ende Tabletts mit nostalgisch geblümten Retro-Services, während die Stoppuhr rast und der Moderator unterstützend anfeuert. Erst kaputt, dann rasant heile - Erfahrungsumkehrung. Ein großer Spaß fürs Publikum, dessen symbolische Bedeutung sich kaum jemandem erschlossen haben dürfte. Das sieht damals nur, was es sehen will. Ein Tonikum zur Entspannung. Verlässlich wiederkehrende Gemütlichkeit, typische Samstagabendunterhaltung eben, so wie sie das westdeutsche Fernsehen in dieser Zeit in die Wohnzimmer sendet.
In Regina Schillings außerordentlichem Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ erst zeigt sich die mentalgeschichtsanalytische Symbolkraft solcher Bewegtbilder in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Die Bundesrepublik, das Wirtschaftswunderland der Erfinder und
Maschinenbauer, ist auch ein Land, indem auf erstaunliche Weise nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs im Handumdrehen so gut wie alles scheinbar wieder ganz wurde. Wie konnte das geschehen? Welche Rolle spielten dabei das Show-Fernsehen und seine Stars? Und was war der Preis der Nichtaufregungs-Maxime, auch für Schillings eigene Familie? Fragen, denen Schilling in ihrem sowohl medienwissenschaftlich als auch zeitgeschichtlich und sozialhistorisch überaus erhellenden, aber auch unglaublich unterhaltsamen Dokumentarfilm nachgeht.
Der Film, ganz aus Archivmaterial, Werbeanzeigen und privaten Aufnahmen gebaut, und durchgehend aus dem Off sprachlich darstellend und hinterfragend begleitet, untersucht sein Material zitierend, korrigierend und klitternd akribisch - und entdeckt überall Risse, Doppelbödigkeit und Hintergründiges. Mit neuem Blick gesehen, zeigt Schilling die Abgründe in der Verdrängung und die therapeutische Unterströmung in der scheinbaren Harmlosigkeit. So lässt sie im Wiedersehen Sichtweisen von enormer Evidenzwirkung fast allein durch die Komposition und Anordnung entstehen, die sich zum Bild einer zutiefst traumatisierten, überforderten und erschöpften Wirtschaftswundergeneration fügen. Schilling ist dabei ein großer Wurf gelungen.
Indem sie Quizshows und Fernseh-Spieleabende, aber auch die Moderatorenbiografien auf ihren Illusionscharakter hin befragt, fragt sie zugleich nach den gesellschaftlichen Illusionsmechanismen der Sechziger und Siebziger Jahre. Wie man scheinbar Bekanntes im Wiedersehen mit großem Erkenntnisgewinn neu sehen kann, das zeigt „Kulenkampffs Schuhe“ in seiner geschichtsbewussten, kritischen und hellsichtigen Bestandsaufnahme beispielhaft.


 
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