55. Grimme-Preis 2019

Die Story im Ersten: Am rechten Rand (NDR/MDR)

 

Grimme-Preis an

Jana Merkel (Buch/Regie)

Michael Richter (Buch/Regie)

 

Produktion: NDR / MDR

Erstausstrahlung: Das Erste, Montag, 15.10.2018, 23.00 Uhr

Sendelänge: 44 Min.


Inhalt

Seit 2017 ist mit der AfD erstmals eine Partei im Bundestag vertreten, die sich laut Selbstverständnis rechts der CSU positioniert. Wie weit rechts diese Partei steht, wird seit ihrer Gründung 2013 diskutiert. Genauso wie die Frage, wie groß der Anteil und wie stark der Einfluss des rechten Flügels ist. Von Interesse sind aber nicht bloß quantitative Einschätzungen, sondern auch qualitative: Stehen breite Teile der Partei so weit rechts, dass sie rechtsradikal genannt werden müssen? An dieser Frage hängt viel: vor allem die Entscheidung, ob die AfD als demokratiefeindlich eingestuft und zum Fall für den Verfassungsschutz gemacht werden muss. – Jana Merkel und Michael Richter haben recherchiert, wie tief führende AfD-Politiker in rechtsradikale Netzwerke eingebunden sind. Sie haben zusammengetragen und ausgewertet, zu welchen Anlässen und mit welchen Parolen sich Parteigrößen klar rechtsradikal positioniert haben. Dabei ist eine Reportage entstanden, die durch Interviews und die Recherche und Analyse von Kundgebungen und Demonstrationen eine parteipolitische Strategie entlarvt, die darauf setzt, rechtsradikale Ideologie durch sprachliche Verschleierung salonfähig zu machen und auf diesem Weg breite, bürgerliche Kreise anzusprechen.

 

Stab

Buch: Jana Merkel, Michael Richter, Anton Maegerle

Regie: Jana Merkel, Michael Richter, Anton Maegerle

Kamera: Johannes Anders, Sven Wettengel

Schnitt: Bettina Bosse

Ton: Matthias Kunz

Redaktion: Christoph Mestmacher-Steiner (NDR), Jörg Wildermuth (MDR)

 

Jurybegründung

Der MDR-Journalistin Jana Merkel und dem NDR-Journalisten Michael Richter ist die beste, und das bedeutet: konzentrierteste, informativste und differenzierteste Reportage über die AfD gelungen, die im deutschen Fernsehen bisher zu sehen war. Sie gehen ihrer Leitfrage auf eine angemessen sachliche und nüchterne Weise nach – sogar noch in Situationen, in denen sie selbst von rechtsextremen AfD-Sympathisanten auf eine unsachliche und aggressionsentfesselte Weise attackiert werden. Das ist vorbildlich für jeden weiteren Umgang des deutschen Fernsehjournalismus mit diesem Thema. Denn rechtspopulistische Parteien wie die AfD, die sowohl im bürgerlichen Milieu als auch im rechtsradikalen Lager Stimmen und Zustimmung gewinnen wollen, sind auf mediale Präsenz angewiesen und wissen jede journalistische Unüberlegtheit strategisch für ihre Zwecke auszunutzen.
Jana Merkel und Michael Richter bleiben bei der Sache: Sie decken auf, dass sich selbst AfD-Politiker der ersten Reihe ultrarechte Themen und Meinungen aneignen und mitunter im neuen sprachlichen Gewand präsentieren, wie sie emotional aufwiegeln, wie sie in rechtsradikalen Netzwerken agieren, mit Positionen am äußersten rechten Rand sympathisieren, dass viele AfD-Politiker in höchsten Ämtern eine dezidiert rechtsradikale Vergangenheit haben und auch im Anzug keine gegenüber früher stärker abweichende Meinung haben, wie diese Politiker die gesamte Partei zunehmend nach rechts verschieben und wie sie dabei dennoch ihr Ziel im Blick halten, breite Bevölkerungsteile anzusprechen.
Präzise und pointiert, gut recherchiert und immer untermauert durch harte Belege decken Jana Merkel und Michael Richter die Verflechtungen der AfD mit vielen eindeutig rechtsradikalen und verfassungsfeindlichen Gruppierungen auf, die einem breiten Publikum bisher nicht ausreichend bekannt gewesen sind. Unter völligem Verzicht auf Dramatisierungen und vorschnelle Mutmaßungen besticht die Reportage durch einen wohlüberlegten, sowohl analytischen als auch selbstreflektierten Umgang mit Sprache. Genau so sollte politische Aufklärung betreibendes Informationsfernsehen aussehen: Sicher und fundiert in der Recherche bis in jedes Detail hinein, selbstbewusst über den eigenen Auftrag, investigativ, Zusammenhänge aufzeigend, der Kernfrage dabei konzentriert nachgehend, umfassend informiert und informierend, nicht appellativ, aber klar in der Aussage. Keine Sekunde der Reportage ist überflüssig, alle Aspekte sind sinnvoll aufeinander bezogen. Sie zeichnet sich durch die beeindruckende Leistung aus, in nur 44 Minuten ein sehr komplexes Thema erschlossen und umfassend diskutiert zu haben. Das ist politische Aufklärung auf höchstem Niveau.

 
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