55. Grimme-Preis 2019

Bohemian Browser Ballett (Steinberger Silberstein für SWR/funk)

 

Grimme-Preis an

Schlecky Silberstein (Idee/Buch)

Christina Schlag (Buch/Regie)

Raphael Selter (Buch/Regie)

 

Produktion: Steinberger Silberstein

Erstveröffentlichung: funk, Dienstag, 02.01.2018

Sendelänge: 1-3 Min.


Inhalt

Politische und gesellschaftliche Satire für ein junges Online-Publikum steht im Mittelpunkt des „Bohemian Browser Balletts“. In ein- bis dreiminütigen Videos beackert dasFacebook- und YouTube-Format aus der funk-Familie Themen, die für Jugendliche und junge Erwachsene relevant sind, und gibt ihnen zumeist einen unerwarteten Dreh. Die Palette reicht vom perfekten Selfie-Video über die Bedrohung des weißen, heterosexuellen Mannes bis zur vermeintlich transparenten Selbstdarstellung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das Schicksal "Transnational – Gefangen im falschen Körper" wird am Beispiel von Mehmet aufgerollt, der sich als Deutscher identifiziert, obwohl seine Eltern Türken sind. Ein anderes Mal geht es um das soziale Phänomen, dass immer mehr Eltern sogenannte Helikopterkinder haben, und um die damit verbundene Frage, ob die ständige Kontrolle durch die Kinder der Entwicklung der Eltern schaden kann. Das von Schlecky Silberstein und seiner Steinberger Silberstein GmbH produzierte Format pflegt einen präzisen Blick für den Zeitgeist. Aufwendig und hochwertig umgesetzt, entsteht es nicht selten wochenaktuell und schafft es immer wieder, virale Hits zu landen sowie für angeregte Diskussionen in den Kommentaren unter den Videos zu sorgen.

 

Stab

Headautor: Schlecky Silberstein

Autoren: Raphael Selter, Christina Schlag, Tim Kleinebudde, Henriette Buss

Regie: Raphael Selter, Christina Schlag u.a.

Produktion: Laura Tille, Hala Khalid, Isabell Jurisch

Schnitt: Stefan Peters

Artdirection: Niklas Coskan

Produzent: David Steinberger

Redaktion: Duygu Gezen (funk), Sabrina Strehse (SWR)

 

 

Jurybegründung

Wer nicht regelmäßig funk, Facebook oder YouTube konsumiert, kennt das „Bohemian Browser Ballett“ am ehesten durch die ungewollten Schlagzeilen rund um das bissige Satire-Format. Nach der Veröffentlichung des Videos „Volksfest in Sachsen“, in dem die Chemnitzer Ausschreitungen vom Sommer 2018 aufs Korn genommen wurden und Neonazis ebenso wie Polizei und Medien ihr Fett weg bekamen, versuchten AfD-Mitglieder, den vermeintlichen Fake aufzudecken, ohne jedoch den satirischen Charakter zu erkennen. In der Folge kam es zu antisemitischen Hasskommentaren und Morddrohungen gegen Chefautor, Produzent und Schauspieler Schlecky Silberstein alias Christian Brandes. Die unschöne Anekdote unterstreicht, wie ernst es Silberstein und seiner Mannschaft mit der satirischen Mission ist. Ohne Rücksicht auf Verluste, auch und gerade auf eigene, fädeln sie höchst intelligente Pointen aneinander und teilen in alle in Frage kommenden Richtungen aus.
Das „Bohemian Browser Ballett“ verkauft sich selbst wahlweise als „Nischenangebot für junge Intellektuelle mit Humor“ oder „linksgrünversiffter Stachel im Arsch der Revolutionäre“. Die kurzen Videos lösen den kontroversen Anspruch ein, weil sie nicht erwartbar sind und keine Seite sich jemals sicher fühlen darf, möge sie sich selbst auch noch so moralisch integer finden. Da gibt es beispielsweise den Dreiminüter „Woher kommt der Täter? – Jede Tragödie ist eine Chance“: Eine AfD-Ortsgruppe frohlockt über die Nachricht, dass ein Lastwagen in Freiburg in eine Menschenmenge gerast ist. Weil der Täter ersten Meldungen zufolge südländisch aussah und „Allahu akbar“ rief, werden Jubelgesänge angestimmt und der Sekt geöffnet. Dann die Ernüchterung: Es war doch ein deutscher Rechtsextremist. Erst in den letzten 20 Sekunden wechselt der Sketch die Perspektive: „War Deutscher“, jubelt eine Frau mit Kopftuch – und nun stößt ein Grünen-Ortsverein im Konfettiregen auf die News an. Solcher Humor tut weh. Soll er auch. Durch die Brust ins Hirn.
Es ist unmöglich, die Beiträge des „Bohemian Browser Balletts“ anzuschauen und dabei in Egal-Haltung zu verharren. Weder wenn ein Junge von seiner Mutter zum Zocken am Computer gezwungen wird, damit die Karriere als E-Sport-Profi fluppt, noch wenn ein Flüchtling aus Uganda in die Heimat zurückkehrt, weil er Deutschlands rückständiges Handynetz nicht mehr erträgt. Der Witz des Formats geht voll auf die Zwölf, trifft mehr als nur einen Nerv, fordert heraus und ist vor allem unfassbar komisch. Dialoge und Punchlines sind auf den Punkt geschrieben, mit Gespür für Timing inszeniert und von einem äußerst talentierten Ensemble gespielt. Die Macher des „Bohemian Browser Balletts“ sind die Tucholskys der Generation Z.

 
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