55. Grimme-Preis 2019

Betrug - Aufstieg und Fall eines Hochstaplers (EIKON Media Stuttgart/SPAETH Film für SWR)

 

Grimme-Preis an

David Spaeth (Buch/Regie)

 

Produktion: Eikon Media Stuttgart, SPAETH Film

Erstausstrahlung: Das Erste, Mittwoch, 22.08.2018, 22.45 Uhr

Sendelänge: 84 Min.


Inhalt

In München-Schwabing ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls in jenem paradiesischen, von Eltern initiierten und finanzierten Kinderladen, in dem Bastian seinen gehandicapten Sohn unterbringt – und in kürzester Zeit das Vertrauen der anderen Eltern gewinnt: Schnell und ohne große Nachfragen wird der arbeitslose Hochstapler, der seine berufliche Laufbahn von Anfang an kräftig und phantasievoll frisierte, zum eigenverantwortlichen Kassenwart des Kinderladens befördert. In dieser Position bemerkt Bastian, dass auf dem Konto der Initiative eine viertel Million Euro an Mitgliedsgeldern der gutsituierten Eltern schlummert – und beginnt, immer mehr davon für immer kühnere Träume abzuzwacken. Doch die Eltern schöpfen auch dann noch kaum Verdacht, als Bastian seinen Sohn mit einem fabrikneuen Sportwagen abholt.
In erzählerisch fesselnden und formal streng inszenierten Paar-Interviews auf heimischen Sofas dokumentiert der Filmemacher David Spaeth, der zu den leidtragenden Eltern gehört, eine authentische Geschichte über Vertrauen und Dekadenz - und zeigt ein aus seidenen Fäden gestricktes Lügengeflecht, das beeindruckend lange hielt.

Stab

Buch: David Spaeth

Regie: David Spaeth

Regie Interview Berlin: Thomas Lauterbach

Kamera: Christian Rein, Sebastian Bäumler, Gunter Merz, Pascal Schmit, Christian Stangassinger

Schnitt: Georg Michael Fischer

Ton: Friedemann von Rechenberg, Clemens Becker, Tobias Laemmert, Bertin Molz, Andrew Mottl, Maximilian Nüchtern

Produzent: Christian Drewing

Redaktion: Kai Henkel (SWR)

 

Jurybegründung

Es ist kaum zu fassen – und dennoch durchaus nachvollziehbar, jenes Possenspiel, das David Spaeths ambivalenter Protagonist Bastian mit den gutgläubigen, oder vielleicht auch nur wohlmeinenden Schwabinger Eltern trieb. Dem Regisseur gelingt es, in seinem Dokumentarfilm neben einem dramaturgisch ausgefeilten Spannungsbogen auch eine detaillierte Milieustudie unterzubringen. Denn in den Interview-Aussagen und den privaten Umgebungen versteckt liegen Wahrheiten über Reichtum, Armut und Neid, über Kinderliebe, Mitleid, subtil sichtbare Klassenzugehörigkeiten und den Willen, aus ihnen auszubrechen. Der Filmemacher schont sich nicht, und setzt sich und seine Partnerin als Betroffene genauso auf das Sofa, wie die restlichen Leidtragenden. In einem visuell ausgefeilten, so vielsagenden wie minimalistischen Stil portraitiert er mit wenigen Handgriffen eine ganze Szene – ohne jemanden auszustellen, sei es auf der Seite der Eltern oder auf der Seite des Betrügers Bastian. Denn auch der darf – gemäß Spaeths demokratischen Konzepts – selbstverständlich mitreden. So schafft der Filmemacher ein faszinierendes Vexierbild, in dem Schein und Sein gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Die opulenten, in starker Slowmotion gefilmten Tableaus, die Spaeth wie bewegte Renaissance-Gemälde zwischen die Kapitel seiner Geschichte stellt, geben ihr zudem nötige Atem- und Denkpausen, und illustrieren den Grundgedanken, der hinter dem Verhalten der Beteiligten stehen könnte: Das Bewusstsein, Teil einer bestimmten, privilegierten Gruppe zu sein, ist bei den Mitwirkenden vermutlich unterschiedlich ausgeprägt – und es muss nicht unbedingt stimmen. Denn Spaeths Film ist auch ein Spiel mit Vorurteilen, auf der Seite der geprellten Eltern genau wie auf der Seite des Betrügers.
Die Jury war von dem hohen Unterhaltungswert und der cineastischen Qualität der Erzählung begeistert. Sie empfand „Betrug“ als klugen Kommentar auf unsere Gesellschaft, der viel Raum für Interpretationen lässt, und den Zuschauenden nicht unterfordert, sondern ihn ehrlich (und vielleicht etwas ängstlich) nach der eigenen Reaktion fragen lässt: Wie würde man sich in der Situation verhalten? Und wie viel Hochstapler steckt in einem selbst drin?
Dass die Leidtragenden am Ende schnell wieder das nötige (Klein-)Geld zusammensammeln, um ihr Kinderladen-Bullerbü zu retten, ist der konsequente Abschluss der angenehm doppelsinnigen Filmaussage: Ob irgendjemand etwas aus der Geschichte gelernt hat, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Genau das macht sie so authentisch.

 
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