58. Grimme-Preis 2022

Tina mobil

(X Filme Creative Pool für rbb)

 

Grimme-Preis an

 

Laila Stieler (Buch)

Richard Huber (Regie)

Gabriela Maria Schmeide (Darstellung, stellv. für das Ensemble)

 

Erstausstrahlung/-veröffentlichung:
Das Erste, ab Mittwoch, 22. September 2021, 20.15 Uhr

Lauflänge: 6 x 45 Minuten

 

Inhalt

Die Bäckereiverkäuferin Tina kann es nicht fassen, als sie nach zwanzig Jahren die fristlose Kündigung bekommt. Denn Tina, die mit einem Bäckermobil schon frühmorgens außerhalb Berlins unterwegs ist und mit diesem Knochenjob den Lebensunterhalt für ihre drei Kinder bestreitet, hat ihre Stammkundschaft. Tina will nicht aufgeben und macht sich selbstständig. Dabei sitzt ihr die Konkurrenz ihres alten Betriebs im Nacken, der eine neue Fahrerin für Tinas Route angeheuert hat. Obwohl ihr Ex-Mann ihr weiterhin zur Seite steht, kämpft sie neben diesen unvermeidlichen Rückschlägen mit familiären Problemen: Tochter Carolin hat Depressionen und tritt nur noch als Influencerin mit der Außenwelt in Kontakt; Julia, die Jüngste, wird schwanger und zieht, nachdem Tina sie allzu resolut zur Abtreibung drängt, in ein Jugendheim. Tina begegnet allem nach außen hin als unerschütterliches Muttertier, aber ihr geht die Kraft aus. Als auch noch Brustkrebs bei ihr diagnostiziert wird, scheint die Lage aussichtslos. In der tiefsten Krise muss sie sich schließlich eingestehen, dass sie die Trauer um ihren an Herzversagen verstorbenen Sohn Christian seit zwei Jahren verdrängt. Doch Tina lernt, dass sie sich diesem Verlust stellen muss, und schöpft neuen Mut, auch beruflich.

 

Begründung der Jury

Diese Frau ist zu gut, um wahr zu sein. Klar, sie hat eine freche Schnauze. Und ja, sie ist dominant bis übergriffig als alleinerziehende Mutter. Aber wer schließlich sollte sonst das Geld heimbringen und den Laden zusammenhalten? Und wer könnte diese schwungvolle, außergewöhnliche Serie zusammenhalten, wenn nicht die großartige Gabriela Maria Schmeide als Tina? Aus ihren Augen blitzt Aufmüpfigkeit, Kampfesmut, Erschöpfung, unbändige Freude, stille Niedergeschlagenheit, Zärtlichkeit. 

Ist diese Tina Sanftleben also zu gut, um wahr zu sein? Ja, das ist sie, und genau darum geht es. Das Herausragende an „Tina mobil“ ist gerade die Tatsache, dass langsam die Risse in dieser scheinbar unzerstörbaren Person sichtbar werden. Dass der Preis erkennbar wird, den sie dafür bezahlt, das Kraftzentrum für alle zu sein. Und während die Probleme eskalieren, während die Lage immer aussichtsloser wird, legt diese ganz klassisch erzählte sechsteilige Serie in einem einzigen langen Erzählbogen ganz ohne Sprünge und Zaubermätzchen offen, welchen Schmerz Tina die ganze Zeit über verdrängt. 

Diese Heldin verdient buchstäblich die Brötchen. Wenn der Sohn Klassenfahrt hat und besorgt fragt: „Woher nimmst du das Geld?“, dann sagt sie: „Mein Problem“ oder „Wir sind doch nicht arm.“ Die Jury hat in diesem Jahrgang mehrere bemerkenswerte Produktionen gesehen, die prekäre Arbeitsbedingungen thematisieren. „Tina mobil“ ist in diesem Genre eine Klasse für sich. Schon allein, dass der rbb und das Erste diese unkitschige Arbeitswelt im Vorabendprogramm beziehungsweise am Hauptabend zeigten, ist besonders und erwähnenswert. Ebenso bemerkenswert ist, dass die Serie mit ihren pointierten Dialogen, mit der stimmigen Ausstattung und der dramatischen Handlung durchaus Emotion und Rührung bei den Zuschauenden hervorruft – was bei Gabriela Maria Schmeide nie ins ausschließlich Sentimentale kippt –, aber trotzdem nicht beschönigt, sondern eine fast dokumentarische Sicht auf die Wirklichkeit bietet. Wann zeigt sich wie nebenbei das Berliner Umland, das ohne Bäckerei oder Metzgerei von der Versorgung abgehängt ist? Wann wird schon einmal eine Mammografie im fiktionalen Fernsehen gezeigt? Wann eine ältere, alleinerziehende Mutter, die sexuell aktiv sein darf? Und wann ist das, was Arbeit wirklich bedeutet, einmal mehr als eine Behauptung, ja sogar ein Großteil der Handlung?

 
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