58. Grimme-Preis 2022

Die Ibiza-Affäre

(W&B Television/Epo-Film für Sky Deutschland)

 

Grimme-Preis an

 

Stefan Holtz (Buch)

Florian Iwersen (Buch)

Christopher Schier (Regie)

Nils Landmark (Montage)

Jan Ruschke (Montage)

Nicholas Ofczarek (Darstellung, stellv. für das Ensemble)

 

Erstausstrahlung/-veröffentlichung:
Sky Atlantic, ab Donnerstag, 21. Oktober 2021, 20.15 Uhr

Lauflänge: 4 x 45 Minuten

 

Inhalt

Der Vierteiler „Die Ibiza-Affäre“ greift einen Polit-Skandal auf, der Österreich im Jahr 2019 in eine Regierungskrise stürzte. Erzählt wird die Entstehungsgeschichte um ein heimlich gefilmtes Video, das den damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache mit einer angeblichen russischen Milliardärin in einer Finca auf Ibiza bei einem Gespräch über Korruption und unlautere Absprachen zeigt.

Im Zentrum stehen der Privatdetektiv Julian Hessenthaler und der Anwalt Ramin Mirfakhrai. Gemeinsam schmieden sie den Plan, den Politiker in eine Falle zu locken und ihn wegen illegaler Machenschaften zu überführen. Unterstützt werden sie von der vermeintlichen Oligarchen-Nichte Aljona Makarov, die als Köder eingesetzt wird. Bei dem Vorhaben müssen sie mehrmals Rückschläge kassieren, bevor sie schließlich das allseits bekannte Video aufnehmen können. Doch damit nicht genug, die nächste Herausforderung liegt schon vor ihnen: Wie können sie das Material veröffentlichen, um maximale Aufmerksamkeit zu erzielen und dabei noch zu Geld zu kommen? Erst jetzt wird ihnen klar, dass sie auf die Unterstützung der Medien angewiesen sind. Die beiden Journalisten, mit denen sie zusammenarbeiten, haben allerdings eine andere Vorstellung davon, wie das brisante Material an die Öffentlichkeit gelangen soll.

 

Begründung der Jury

Die Geschichte über die Drahtzieher des „Ibiza-Gate“-Videos ist ein spannendes Schelmenstück, das aktuelles Zeitgeschehen verdichtet. Dass dieser Skandal genug Potential für einen unterhaltsamen Filmstoff bietet, bei dem so manches Mal die Fiktion nicht von der Realität zu unterscheiden ist, liegt sicherlich auch an den realen Verrücktheiten, doch insbesondere an den vielen herausragenden filmischen Gestaltungsmitteln. Denn wie kann eine spannende Geschichte erzählt werden, deren Kern durch vielfache Berichterstattung bekannt ist? Die Schilderung der Entstehung des Videos springt dabei zeitlich weit zurück und bereitet geschickt wie doppelbödig dessen hier um Längen unterhaltsamere, Wiederaufführung vor. Dabei wird nicht nur vom Komplott, dessen Vorgeschichte und den Folgen erzählt, sondern ein tiefer Blick in das unfassbare Netz aus Politik, Korruption und Machtgeilheit geworfen.

An dieser wilden Mischung aus Krimi, Polit-Thriller, Drama und Slapstick-Komödie begeistern die sensationelle Schauspielleistung, die kluge Adaption der Drehbuchvorlage, die fantastische Kamera und nicht zuletzt die grandiose Inszenierung.

Die erzählerischen Freiheiten der Geschichte weiß das Ensemble gekonnt zu nutzen. Allen voran übernimmt Nicholas Ofczarek als getriebener und obsessiver Privatdetektiv den verbindenden Part in dem durch die Zeitebenen wechselnden Ritt. Andreas Lust trumpft auf mit seiner Akribie in der Darstellung des selbstgefälligen und überheblichen Politikers, bei der die groteske Ähnlichkeit zu Strache die Grenze zwischen Realität und filmischer Wirklichkeit aufbricht. Anna Gorokhova brilliert als Lockvogel, der zwischen Pragmatismus, Unverfrorenheit und Weltläufigkeit mühelos hin- und herpendelt.

Die Grundlage für das Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen bot ein Sachbuch der Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung. Beide sind maßgeblich für die Aufarbeitung und Veröffentlichung des Video-Materials verantwortlich. Im Film agieren sie als Gegenpart und gleichsam moralische Instanz zum Duo Hessenthaler / Mirfakhrai. Sie repräsentieren die Rolle der guten, integeren Medien, die versiert und nachhaltig Sachverhalte aufdecken. Die Darstellung dieser prinzipientreuen Arbeitsweise ist ebenfalls ein Mehrwert dieses Films. Kommentierende Clips, wie ein Mini-Cartoon oder eine Szene aus dem Kasperletheater, fügen sich als parodistische Spitzen in den Plot ein. 

Visuell besticht die Produktion durch einen opulenten Stil, das Breitbildformat wird bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt. Jedes Setting ist reich an Details und Originalschauplätzen, wie z.B. die Villa auf Ibiza, die die Melange aus Fakt und Fiktion unterstützen.

„Zu wahr, um erfunden zu sein“ lautet ein Werbe-Slogan zur Produktion. Fürwahr, ein bitterer und erkenntnisreicher Satz.

 
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