55. Grimme-Preis 2019

Im Schatten der Netzwelt - The Cleaners

 

(gebrueder beetz filmproduktion/Grifa Filmes für WDR/NDR/RBB in Zusammenarbeit mit ARTE)


Der Publikumspreis der Marler Gruppe geht an

Hans Block (Buch/Regie)

Moritz Riesewieck (Buch/Regie)

Christian Beetz (Produktion)

Georg Tschurtschenthaler (Produktion)

 

Produktion: gebrueder beetz filmproduktion, Grifa Filmes

Erstveröffentlichung: ARTE, Dienstag, 28.08.2018, 21.50 Uhr

Sendelänge: 85 Min.


Inhalt

Der Film „Im Schatten der Netzwelt - The Cleaners“ erzählt die Geschichte von fünf Content-Moderator*innen aus Manila, die im Auftrag der großen Silicon-Valley-Konzerne belastende Fotos und Videos aus den sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube und Twitter sichten und löschen. Die Entscheidung darüber, was im Netz bleibt und was nicht, wird dabei an die Moderator*innen abgeben, nach welchen Kriterien und Vorgaben sie diese Entscheidungen treffen, gehört zu den am besten geschützten Geheimnissen der Konzerne. Die Belastung durch diese traumatisierende Arbeit verändert die Menschen, die diese Arbeit im Schatten verrichten. Parallel dazu zeigt der Film die globalen Auswirkungen der Onlinezensur und, wie Fake News und Hass durch die Sozialen Netzwerke verbreitet und verstärkt werden.

 

Stab

Buch: Hans Block, Moritz Riesewieck

Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck

Kamera: Axel Schneppat, Max Preiss

Schnitt: Philipp Gromov, Hansjörg Weissbrich, Markus C. M. Schmidt

Ton: Karsten Höfer

Producer: Georg Tschurtschenthaler

Produzent: Christian Beetz

Redaktion: Christiane Hinz (WDR), Jutta Krug (WDR), Eric Friedler (NDR), Rolf Bergmann (RBB)

 

Jurybegründung

Welchen Einfluss hat die Onlinezensur sozialer Netzwerke auf unser Denken und wie ist die Schattenindustrie aufgebaut, die sie betreibt? Diese Frage behandelt „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ und besticht dabei sowohl in der inhaltlichen Aufbereitung als auch auch in der gestalterischen Umsetzung.
Auf den ersten Blick stehen vor allem die sogenannten „Content Moderators“ im Mittelpunkt, die soziale Netzwerke für ihre anonymen Auftraggeber von unter anderem brutalen, pornografischen und gewaltverherrlichenden Inhalten säubern. Für drei US-Dollar pro Tag arbeiten unzählige, jederzeit austauschbare Arbeitskräfte in Outsourcing-Unternehmen in Manila auf den Philippinen, für Facebook, Twitter oder Google. Mangelhaft ausgebildet, müssen sie täglich mehrtausendfach entscheiden: „ignore“ oder „delete“. In dem der Film am Beispiel ehemaliger Mitarbeiter*innen diese Tätigkeit in den Blick der Zuschauer*innen rückt, liegt sein erster Verdienst.
Gleichzeitig verdeutlichen die Filmemacher Hans Block und Moritz Riesewieck anhand aktueller Fälle, welche Folgen diese Art von Zensur in verschiedenen Teilen der Welt hat. Das Löschen einer karikierenden Darstellung eines nackten Trump, ausgelöst in Manila, bringt die Zeichnerin in den USA um ihr Einkommen. Die Gleichschaltung der Information wird besonders problematisch, wo „Wertesysteme“ von diktatorischen Regimen zur Grundlage von Löschungsmaßnahmen werden, oder im anderen Extrem ungestraft Minderheiten wie beispielsweise die Rohingya zur Verfolgung freigegeben werden.
Das komplexe, undurchsichtige System, das sich im Rücken der Öffentlichkeit abspielt, wird auch durch die Bildsprache überzeugend transportiert: Während die Vorgänge in Manila oft aus dem Halbdunkel ans Licht gezerrt werden, scheinen die lichtdurchfluteten Glasfassaden der großen Internetkonzerne Eingriffe in den Informationsfluss zu verschleiern. Kritische Kommentierungen werden durch die Visualisierung von Tweet-Frequenzen von Städten begleitet; auch die Präsentation von Mails eines unerkannt bleiben wollenden Content-Moderators trägt dazu bei. Fast zu suggestiv zeigt sich die Dokumentation, als eine Interviewpartnerin ihren von den Eltern gewünschten sozialen Aufstieg aus dem Müllhalden-Milieu Manilas durch Bildung erwähnt und sie anschließend durch den Internet-Müll der sozialen Netzwerke klickt.
Den Zuschauer*innen wird das Denken in keiner Weise abgenommen: Vorschnelle Überlegungen erweisen sich schnell als zu kurz gegriffen –eine Lösung der komplexen Problematik wird nicht angeboten. Wir erhalten einen Einblick in Strukturen, auf die wir Einfluss nehmen müssen, wenn Meinungs- und Informationsfreiheit und demokratische Systeme eine Zukunft haben sollen. Hier findet Aufklärung im besten Sinne statt. 
Der Publikumspreis geht an die Autoren und Regie, aber auch an die Verantwortlichen aus der Produktion, ohne deren Unterstützung die Realisierung dieses Erstlingswerkes nicht möglich gewesen wäre.

 
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