55. Grimme-Preis 2019

Die Besondere Journalistische Leistung für Isabel Schayani

 

Grimme-Preis für die Besondere Journalistische Leistung an

Isabel Schayani

 

für

ihre Tagesthemen-Kommentare, Weltspiegel-Moderationen und WDRforyou-Beiträge (WDR)

 

Jurybegründung

Isabel Schayani müsste sich das nicht antun. Sie müsste nicht durch die Straßen von Chemnitz laufen und live schildern, was dort geschieht, nachdem ein 35-Jähriger in der Stadt erstochen worden ist. Doch sie ist vor Ort, will trotz der aufgeheizten Stimmung mit den Menschen ins Gespräch kommen. „Ich erkenne, dass Sie sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft des Landes machen“, sagt sie ruhig zu einem aufgebrachten Mann. Sie wird nicht unfreundlich oder laut, als er sie beschimpft. „Ich finde es interessant, mit Ihnen zu sprechen“, sagt sie – und es schwingt keine Ironie in ihren Worten mit.
Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird oft der Vorwurf gemacht, zu träge zu sein und in einem Elfenbeinturm zu sitzen. Schayani beweist, dass es auch anders geht. Sie hat diesen Facebook-Livestream für das Portal WDRforyou gemacht, das sich insbesondere an Geflüchtete richtet. In vier Sprachen – Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi – gibt es Beiträge. Schayani, Tochter eines persischen Vaters, beherrscht alle vier Sprachen. Von den Unruhen in Chemnitz berichtet sie nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Arabisch und Persisch. Sie möchte möglichst vielen Menschen die Chance geben, sich zu informieren.
Die Journalistin will verstehen. Sie geht offen auf die Menschen zu, sie stellt sich der Diskussion mit Andersdenkenden. Aber sie scheut sich auch nicht, die Dinge beim Namen zu nennen: „Diese Art von hemmungslosem und offenem Hass habe ich in so einem Umfang noch nie gehört.“
In ihren Kommentaren für die „Tagesthemen“ lässt sie die Zuschauer teilhaben an eigenen Unsicherheiten und Zweifeln. Im Juni 2018 kommentiert sie die europäische Flüchtlingspolitik. „Und da kommt auch schon diese fiese Frage um die Ecke.“ Solle man Flüchtende aufnehmen oder abschrecken? „Ich bin hin- und hergerissen.“ Sie zögere. Man dürfe die Befindlichkeit der Menschen in Europa nicht ignorieren, wenn diese sich überfremdet fühlten. „Wohin neige ich? Das Hin- und Hergerissensein hört auf und zwar bei den Bildern von Lesbos, wo Menschen unter Plastikplanen hausen und im Dreck festhängen. In Europa. Das geht nicht.“ Sie behauptet nicht, es besser zu wissen. Aber sie fordert ein, sich eine Meinung zu bilden, Haltung zu zeigen.
Für den „Weltspiegel“ besucht sie eines der größten Flüchtlingslager der Welt im Norden Kenias. Sie begleitet eine 23 Jahre alte Mutter von vier kleinen Kindern, die versucht, ihre Familie durchzubringen.  So werden aus anonymen Zahlen – 200.000 Menschen leben in dem Lager Kakuma – Gesichter und Geschichten. Isabel Schayani ist ungemein vielseitig, schreckt nicht vor schwierigen Themen zurück, berichtet fundiert und umfassend. Sie sucht den Dialog, lässt sich nicht provozieren. Sie formuliert präzise und verständlich, eröffnet ihren Zuschauer*innen die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden. Für diese besondere journalistische Leistung wird Isabel Schayani mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

 
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