Grimme trifft die Branche am 6. Dezember in Berlin

Die Bedeutung des Dokumentarischen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Grimme trifft...
...die Branche in Berlin. Foto: SWR / Grimme-Institut

Anfang März 2010 beherrschten die Enthüllungen über den jahrelangen Missbrauch an der Odenwaldschule die Medien. Eineinhalb Jahre später stellten Luzia Schmid und Regina Schilling in ihrem Dokumentarfilm „Geschlossene Gesellschaft“ die Frage nach Schuld und den Mechanismen des Wegsehens und Vertuschens. Sie ließen ehemalige Opfer ebenso wie Pädagogen, die damals unterrichtet haben, zu Wort kommen. Der Film wurde 2012 mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet und belegt eindrucksvoll, welche wichtige gesellschaftspolitische Rolle das Dokumentarische – insbesondere der lange Dokumentarfilm – im Fernsehen spielt. Der Grimme-Preis-Juror und Journalist Fritz Wolf schrieb damals über den Film: „‚Geschlossene Gesellschaft‘ ist einer jener Dokumentarfilme, die man braucht, um intellektuell und emotional zu vertiefen, was man aus aktueller Berichterstattung nur angerissen erfährt.“

Die dokumentarischen Formen werden wegen ihrer Tiefenschärfe, ihren Möglichkeiten zur Reflexion und wegen ihrer besonderen Erzählformen von Machern, der Kritik und vor allem auch von den Senderverantwortlichen immer wieder hervorgehoben, da sie in herausragender Weise für die dringend benötigte Information, Aufklärung und für das individuelle Verstehen geeignet seien.

Mit seiner Fähigkeit, den Zuschauer(inne)n die Einordnung gesellschaftlicher Ereignisse und die Entwicklung einer eigenen Haltung zu ermöglichen, sei der Dokumentarfilm geradezu ein Markenzeichen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, attestierte SWR-Intendant Peter Boudgoust diesem bei seiner Rede anlässlich der Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises. Abweichend vom öffentlichen Bekenntnis scheint dieses Genre im Fernsehen allerdings eine untergeordnete Rolle zu spielen. Zwölf Regelsendeplätze hält das Erste der ARD für den abendfüllenden Dokumentarfilm bereit, dazu kommen noch Sonderprogrammierungen und Termine bei Arte, 3sat oder in den Dritten Programmen – während ihm das ZDF mit Ausnahme des „Kleinen Fernsehspiels“ keinen Sendeplatz mehr einräumt.

„Wie ist es möglich, dass dieses hochgelobte Genre im Programm der ARD kaum stattfindet?“, fragten im Juni 2017 in einer gemeinsamen Erklärung die Nominierten des Deutschen Dokumentarfilmpreises. Diese „Geringschätzung in der Programmierung“ spiegele sich auch in den Produktionsbudgets, die für die Macher(innen) zu Stundensätzen „knapp über dem Mindestlohn“ führten.

Das Grimme-Institut will bei der Veranstaltung „Die Bedeutung des Dokumentarischen“ die gesellschaftspolitische Bedeutung dokumentarischer Formen in den audiovisuellen Medien ausmessen, die Bedingungen, unter denen sie entstehen, auf den Prüfstand stellen und mit Verantwortlichen der Sender und der Doku-Branche darüber diskutieren, wie dieses Format gefördert und gestärkt werden kann.

Ablauf

16:30 Uhr: Screening „Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“

ab ca. 18.30 Uhr: Diskussionsrunde mit

  • Karola Wille, ARD-Vorsitzende und ARD-Filmintendantin
  • Rainald Becker, ARD-Chefredakteur
  • Peter Arens, Leiter Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft, ZDF
  • Frauke Gerlach, Direktorin Grimme-Institut
  • David Bernet, Filmemacher und Vertreter der AG DOK
  • Fritz Wolf, freier Journalist und Mitglied der Grimme-Preis-Jury Information & Kultur
  • Regina Schilling, Autorin „Geschlossene Gesellschaft“

Moderation: Klaudia Wick, Deutsche Kinemathek

ab ca. 20 Uhr: kleines Get-Together im Foyer

Ort

Veranstaltungssaal der Deutschen Kinemathek
Museum für Film und Fernsehen
Sony-Center am Potsdamer Platz
Potsdamer Str. 2
10785 Berlin

Anfahrt

U/S Potsdamer Platz, Bus M41 (Potsdamer Platz), Bus M48, M85, 200 (Varian-Fry-Straße)

Wir bitten um Anmeldung unter
http://www.grimme-institut.de/gtdb/anmeldung/

Kontakt

Lucia Eskes
Leitung Grimme-Preis
Telefon: 02365-9189-21
E-Mail: eskes@grimme-institut.de