58. Grimme-Preis 2022

Una Primavera

(Johannes Schubert Produktion)

 

Preis der Studierendenjury

 

Valentina Primavera (Buch/Regie)

 

Erstausstrahlung/-veröffentlichung:
3sat, Montag, 25. Oktober 2021, 22.40 Uhr

Lauflänge: 80 Minuten

 

Inhalt

Nach einer 40-jährigen Ehe, geprägt von häuslicher Gewalt, trennt sich Fiorella von ihrem Mann und verlässt das gemeinsame Haus in Italien. Die Filmemacherin Valentina Primavera, ihre jüngste Tochter, entschließt sich, den Weg ihrer Mutter mit der Kamera zu begleiten. Sie hält einen bedeutenden Entschluss und die darauffolgenden Ereignisse in ihrem Film fest. Den Zuschauer:innen wird ein intimer Einblick in die Familie Primavera eröffnet. Die Verschmelzung von Regisseurin und Kamera lässt uns die Geschehnisse aus ihrer Perspektive beobachten. Wir erleben ihre Mutter Fiorella beim Scheidungsprozess, in Gesprächen mit Familienmitgliedern und bei der Rückkehr in das Anwesen in den Abruzzen. Die Frauen der Familie stehen im Vordergrund, ihren Meinungen und Gefühlen wird Ausdruck verliehen. Schleichend werden veraltete patriarchalische Strukturen sichtbar gemacht, die wir auch außerhalb des Mikrokosmos dieser Familie in unserer Gesellschaft vorfinden können. Der Film „Una Primavera“ erzählt viele Geschichten: von Freiheit und Identität, Familie und Gewalt, aber hauptsächlich erzählt er die Geschichte einer starken Frau, die ausbricht, um für sich selbst einzustehen.

 

Begründung der Jury

Ein Film, der auf den ersten Blick wie ein Arthouse-Videotagebuch wirkt, entpuppt sich als ein wirkungsvolles und gesellschaftskritisches Regiedebüt. Die unprätentiöse, minimalistische Machart lässt Raum für Reflektion. Die Regisseurin Valentina Primavera betrachtet ihre Familie und das in ihr vorherrschende Verständnis von Geschlechterrollen, ohne zu intervenieren. Sie schafft es, sich hinter der Kamera so weit zurückzunehmen, dass ihre Familienmitglieder selbstständig offenbaren, wie tiefgreifend ihre Ansichten von der patriarchalischen Gesellschaft geprägt sind. Den Zuschauer:innen wird es ermöglicht, die Interaktionen zu beobachten und Fiorellas Geschichte nachzuvollziehen, denn eins wird schnell deutlich: Einen Neuanfang nach vierzig Jahren Ehe zu wagen ist schwierig, insbesondere wenn man sich für die Flucht vor häuslicher Gewalt gegenüber den eigenen Verwandten rechtfertigen muss.

Valentina Primaveras filmisches Werk überschreitet nie die Grenze des Privaten. Die Auswahl der Szenen ist stets geschmack- und respektvoll und hilft dabei, ein umfängliches Bild der Familie zu vermitteln. Für diesen Erfolg gebührt auch der Arbeit von Federico Neri, der für den Schnitt verantwortlich war, Lob. Valentinas Entscheidung, das komplexe Thema der häuslichen Gewalt über einen persönlichen Zugang zu untersuchen und ihre eigene Familie als Untersuchungsgegenstand unter die Lupe zu nehmen, symbolisiert einen wichtigen Schritt, der oftmals der jüngeren Generation überlassen wird: Der Kreislauf des Schweigens und die Übertragung dieser Kultur auf die nächste Generation wird gebrochen – eine mutige Entscheidung, die wir als Studierendenjury mit dieser Auszeichnung anerkennen und würdigen möchten. Ohne aktiv zu verurteilen oder Schuldige zu benennen erzeugt der Film eine klare Offenlegung der Problematiken, die uns im 21. Jahrhundert leider immer noch begleiten. Eine Frau ist mehr als nur Ehefrau oder Mutter, und was hinter geschlossenen Türen des Familienanwesens passiert ist selten ein Einzelfall. „Una Primavera“ fordert zur kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen auf, ohne zu belehren. Information und Kultur werden hier gekonnt vereint, und keine andere Produktion aus dem vergangenen Fernsehjahr regte uns in unserer Juryarbeit so sehr zum Nachdenken und Diskutieren an.

 
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