58. Grimme-Preis 2022

Seepferdchen

(Filmakademie Baden-Württemberg für MDR)

 

Grimme-Preis an

 

Nele Dehnenkamp (Buch/Regie)

 

Erstausstrahlung/-veröffentlichung:
MDR, Dienstag, 21. Dezember 2021, 00.15 Uhr

Lauflänge: 16 Minuten

 

Inhalt

Das Seepferdchen, der Hippocampus, ist ein Areal in unserem Gehirn, in dem Erinnerungen gespeichert werden. Die junge Hanan Saeed Abdo beschreibt ihre Erinnerungen an die Flucht aus dem Nordirak über das Mittelmeer nach Deutschland, ihre Angst vor dem Wasser und die lebensbedrohliche Lage für ihre Familie. Erst später lernt sie schwimmen und muss sich dabei ihren Ängsten stellen. Auch diese Erinnerungen teilt sie, ebenso die Sensibilität für andere, die daraus erwachsen ist. Sie fühlt mit Kindern, wenn sie Angst vor Wasser haben, und hilft ihnen ganz behutsam und geduldig, sich langsam an dieses Element zu gewöhnen. Denn Hanan trainiert nun selbst Kinder für ihr erstes Schwimmabzeichen: das Seepferdchen. Unter diesen Kindern ist auch ihr Bruder Sidar. Während sie ihn bei dem bedeutenden Schritt begleitet, seine Schwimmflügel abzulegen und den Sprung ins Wasser zu wagen, werden Hanans traumatische Erlebnisse und Ängste, aber auch ihre beeindruckende Stärke und Zuversicht deutlich.

 

Begründung der Jury

Traumatische Erlebnisse Kindern zugänglich zu machen ist ein schwieriges Unterfangen. Nele Dehnenkamp gelingt dies eindrucksvoll, indem sie ein vielschichtiges Bild entwirft, das den Protagonist:innen Raum gibt und den Zuschauenden zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten lässt. Während jüngere Kinder an Sidars Schwimmerfolgen begeistert teilnehmen können, haben Ältere die Möglichkeit, den ebenso kraftvollen wie schmerzlichen Rückblicken Hanans zu folgen. Nele Dehnenkamp beweist dabei ein ausgesprochenes Gefühl für Rhythmik und Timing. Konzentriert auf das Setting des Schwimmbads werden ruhige, bedeutsame Interviewsequenzen mit beeindruckenden Unterwasseraufnahmen und belebten Schwimmszenen virtuos miteinander verknüpft. Hanans Voice-over wird dabei ebenso dezent und punktgenau eingesetzt wie die Musik. Ebendiese Konzentration ermöglicht dem Film eine enorme Entfaltung seiner Ausdruckskraft. Unterstützt durch die hohe Ästhetik der Bilder gelingt es, die entstandenen Kopfbilder zur Flucht und zur Gefahrenlage im Mittelmeer auf die Unterwasseraufnahmen im Schwimmbad zu übertragen. Dies wirkt an keiner Stelle manieriert oder aufgesetzt. Hanans Beschreibungen ihrer persönlichen Erlebnisse und Ängste werden vielmehr in eine anspruchsvolle Ästhetik eingebettet. In dieser sorgfältig komponierten filmischen Form kommt die emotionale Vorsicht und Wertschätzung der Filmemacherin gegenüber ihrer Protagonistin zum Ausdruck.

Die Jury war sich einig, dass „Seepferdchen“ stilistisch herausragend junge Zuschauer:innen dabei unterstützt, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Der ausgezeichnete Film zeugt eindrücklich von den Qualitäten, die die kurze filmische Form im linearen Programm für Kinder einbringen könnte – auch tagsüber.

 
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