51. Grimme-Preis 2015

Tatort – Im Schmerz geboren (HR)

 

PreisträgerInnen

Michael Proehl (Buch)
Florian Schwarz (Regie)
Liane Jessen (stellv. für die Redaktion)
Ulrich Matthes (Darstellung)
Ulrich Tukur (Darstellung)

Inhalt

Wer das gemacht hat und wie er das gemacht hat, ist im "Tatort: Im Schmerz geboren" nicht von Interesse. Der Täter nimmt wie erwartet den Zug und wohnt im ersten Haus am Platz: Es ist Richard Harloff (Ulrich Matthes), vor langer Zeit Polizeischüler mit und einst bester Freund von Kommissar Murot (Ulrich Tukur). Dann mit der gemeinsam geliebten Frau nach Südamerika, Wohlstand durch Drogengeschäfte, nun Rückkehr aus Rache.
Alte Rechnungen werden beglichen mit denen, die ihm damals mitgespielt haben, und die Größte läuft auf Murot hinaus, der davon nichts ahnt: Dass er nämlich in Wahrheit Vater des Kindes ist, das sich für den Sohn von Harloff hält (Golo Euler). Der Tod der Mutter bei der Geburt ist die Urschuld, die Harloff nicht erlassen wird, der Schmerz, der nicht vergehen will. Also inszeniert Harloff seinen Feldzug als Theater für den einen Zuschauer - für Murot. Es gibt nicht nur einen kriminellen Werkstattbesitzer (Alexander Held), der als Shakespeare-Fan in seiner Garage mit seinen Angestellten Stücke aufführt, es braucht auch einen Erzähler, der durch die Geschichte von Mord und Totschlag geleitet (ebenfalls Alexander Held). Auf dem Weg zum Höhepunkt jagt Harloff eine Horde aufgeputschter Männer in den angekündigten Überfall auf eine Spielbank, damit Murot seine Hilflosigkeit erfahren kann. Als Schlussakt ist das ödipale Duell Vater vs. Sohn vorgesehen, die sich erschießen sollen, weil sie nicht voneinander wissen.

Stabliste

Buch: Michael Proehl
Regie:  Florian Schwarz
Kamera: Philipp Sichler    
Schnitt: Stefan Blau    
Musik: hr-Sinfonieorchester    
Ton: Peter Senkel
Darsteller: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Ulrich Matthes, Golo Euler, Alexander Held, Alexander Scheer, Shenja Lacher, Felix von Manteuffel, Otto Mellies, Anatole Taubman, Jette Müller
Produktion: Hessischer Rundfunk
Redaktion: Liane Jessen (HR), Jörg Himstedt (HR)
Erstausstrahlung: Sonntag, 12.10.2014, 20.15 Uhr, Das Erste
Sendelänge: 90 min.

Begründung der Jury

Wenn man am "Tatort: Im Schmerz geboren" etwas aussetzen kann, dann wäre das: dass er seine Sache zu gut macht. Drehbuch (Michael Proehl) und Regie (Florian Schwarz) wissen sehr genau, was sie tun. Das bedeutet hier: Rache mag als klassisches Motiv gelten, in der Wirklichkeit einer modernen Leistungsgesellschaft ist sie eine ziemlich kleine Eigenschaft. Wer sich 30 Jahre lang auf eine Verletzung zurückzieht (dass das Kind nicht von ihm ist), statt sich mit der Realität anzufreunden (dass das Kind, das er großzieht, doch seines ist), dem würde man einen Therapeuten empfehlen oder wenigstens gute Ratschläge geben: Komm mal klar. Merkste selber. Get a Life.
Woraus für diesen "Tatort" folgt: Wer Rache will, muss sie groß fahren. Daran lässt "Im Schmerz geboren" keinen Zweifel; munter rauscht die Folge in die Filmgeschichte, spielt Theater und legt dem HR-Sinfonieorchester Bach, Beethoven und Georges Delerue zur Untermalung hin.
Der Film erfindet den beiden Großulrichs des deutschen Schauspiels – Matthes und Tukur – eine hübsche Geschichte von Freundschaft und Konkurrenz (Könnte nicht die gemeinsam begehrte Frau von früher ein Bild sein für das Publikum, um das beide buhlen?), und er entwirft selbst Szenen von erinnerbarer Prägnanz.
Große Kunst handelt immer auch von ihren eigenen Bedingungen. In diesem Sine ist "Im Schmerz geboren" eine überschäumend-unterhaltsame Erkundung dessen, was möglich ist  am Sonntagabend um 20.15 Uhr. Zitate sind für den deutschen Fernsehfilm die Schulterstücke der Bewunderung, die er sich verdienen will. Je öfter seine Betrachter "Sergio Leone", "Tarantino" oder "Shakespeare" raunen, desto sicherer ist er sich seiner Bedeutung. Dabei besteht der Witz am Zitat doch darin, damit etwas Neues, Eigenes anzufangen.
"Im Schmerz geboren" ist eine solche Aneignung: Die Kunst der anderen muss hier antanzen, um zu zeigen, was Kunst eigentlich kann – Gewalt sublimieren, das Schreckliche erzählbar machen. Anderswo werden die Leichen gezählt, um zu beweisen, wie krass hart man so drauf ist. Hier versammeln sich im Schlussbild 55 Darsteller von Figuren, die in den vergangenen 90 Minuten umgekommen sind (die Zahlen gehen auseinander), um zu zeigen, worin Kunst besteht.
Wenn man an dem "Tatort: Im Schmerz geboren" etwas aussetzen muss, dann dass es zu seiner Fantasie und Souveränität so wenig Konkurrenz gibt im deutschen Fernsehfilm.

 
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