51. Grimme-Preis 2015

Altersglühen – Speed Dating für Senioren (WDR/NDR)

 

Publikumspreis der Marler Gruppe

Jan Georg Schütte (Buch/Regie)
Ulf Albert (Schnitt)

Inhalt

13 einsame Herzen, sieben Frauen und sechs Männer, treffen sich zu einem Speed-Dating für Senioren. Im Sieben-Minuten-Takt sollen sie einander ihr Herz ausschütten, sich interessant machen, auf Knopfdruck flirten, Sehnsüchte offenbaren. Da treffen sich Witwer und Witwen, Geschiedene, Alleingebliebene, Rastlose, Singles, Hagestolze, Damen, Burschikose, Herren, Kerle, Kavaliere, Grobiane, Mauerblümchen, Stolze und Romantikerinnen. Sie sind zwischen Ende 60 und Mitte 80 und suchen wie die Jungen: Liebe, Nähe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Abenteuer, Halt.
Dreizehn Schauspieler treffen auf 19 Kameras, finden keinen Drehbuch und müssen sich auf ihre Improvisationskunst verlassen. Sie, die Herzsucher, verfehlen sich, schweigen sich an, stoßen sich bald ab, finden für Momente zueinander, bleiben sich fremd, spielen Theater, öffnen sich plötzlich und verschließen sich wieder. Sie: „Ich liebe die Reiterei!“ - Er: „Ich hasse Pferde!“ Er: „Schon als Jugendlicher bin ich nicht zum Sex gekommen, weil ich zu viel gequatscht habe!“ Ein anderer: „Man kann auch nett miteinander schweigen.“ Oder: „Frauen wollen zujehört werden!“
Gedreht wurde nur an zwei Tagen, aber aus 20 Stunden improvisiertem Material mussten Geschichten, Dramaturgien und Entwicklungen destilliert werden. Was für ein Abenteuer auch und gerade für den Schnitt! „Altersglühen“ ist ein Film, der dem Fernsehen Proberäume des Erzählens schenkt, ein Liebesfilm der ganz anderen Art und Weise.

Stabliste

Buch: Jan Georg Schütte
Regie: Jan Georg Schütte
Kamera: Carol Burandt von Kameke
Schnitt: Ulf Albert
Musik: Gary Marlowe, Daniel Hoffknecht
Ton: Volker Zeigermann
Darsteller: Mario Adorf, Senta Berger, Victor Choulman, Jörg Gudzuhn, Michael Gwisdek, Matthias Habich, Brigitte Janner, Gisela Keiner, Hildegard Schmahl, Christine Schorn, Jochen Stern, Ilse Strambowski, Angela Winkler, Jan Georg Schütte
Produktion: Riva Filmproduktion
Redaktion:  Lucia Keuter (WDR), Sabine Holtgreve (NDR)
Erstausstrahlung: Mittwoch, 12.11.2014, 20.15 Uhr, Das Erste
Sendelänge: 85 min.

Begründung Marler Gruppe

„Finden Sie mich attraktiv?“ Diese Worte waren das einzige, was der Autor, Regisseur und Schauspieler Jan Georg Schütte seinen 13 Protagonisten als Vorgabe für das Speed- Dating gemacht hat. 
13 hochkarätige Schauspielerpersönlichkeiten haben sich auf das außergewöhnliche Experiment eingelassen ohne Drehbuch zu spielen, einfach zu improvisieren. Dabei herausgekommen ist großes, gelungenes Fernsehen, das viel Spaß und Lust auf mehr gemacht hat. 
Wir durften uns an den lockeren Sprüchen von Volker Hartmann, (Michael Gwisdek) erfreuen, der seinen Freund Kurt Mailand (Jörg Gudzuhn) nur begleiten will. „Frauen wollen zugehört werden.“ Er ist der „Sonnyboy“, den die Frauen in der Villa gern mögen, trotz seiner schmutzigen Fingernägel und der ollen Kappe. Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt er, dass sein Freund eigentlich eine nette Frau sucht, die den Haushalt macht und kochen kann und dass die beiden in einer Laube mit Garten wohnen. 
Auch bei Johann Schäfer (Mario Adorf) wirkt das Spiel authentisch und überzeugend. Er spielt den traurig einsamen Witwer berührend und warmherzig, nah bei sich selbst. Die Dialoge treffen ins Herz. „Ich versuche mir vorzustellen, ob sie den leeren Platz in meinem Leben ausfüllen können?“ Seine Unsicherheit und Ängste werden für den Zuschauer spürbar und man fühlt mit, wenn er nach und nach lockerer wird und sich auf sein Gegenüber einlassen kann. Fast ist es so, als sei man selbst dabei und muss gleich in die nächste Gesprächsrunde gehen.
Der pensionierte Lehrer Helge Löns (Matthias Habich), der eigentlich Schriftsteller oder Förster werden wollte und seine an Alzheimer erkrankte Frau pflegt, leidet nach Aussage seines Arztes unter dem „Einsamkeitssyndrom.“ Er hat das Gefühl, dass ihm ohne Partnerin der Rest seines Lebens misslingt. Er spielt den Schöngeist mit charismatischer Ausstrahlung und liebenswürdigem Charme.
Bei Martha Schneider (Hildegard Schmahl), die mutig ausspricht, dass sie sich nach Nähe und Berührung sehnt, spürt man besonders deutlich im Gespräch mit Johann Schäfer, dass da direkte Zuneigung ist. „Darf ich Hans zu Ihnen sagen?“ Johann Schäfer: „Ja, Hans und Martha.“  
Maria Koppel (Senta Berger), spielt die unnahbare, verlassene Karrierefrau, die in allen Gesprächsrunden konzentriert und selbstbewusst den Ton angibt. Sie strahlt eine große Einsamkeit aus und kann doch nicht aus ihrer Haut. 
Edith Wielande (Christine Schorn), die von sich sagt, „Ich bin Putzfrau und kann kochen,“ vermittelt dem Zuschauer, dass sie bereit ist, auf einiges zu verzichten, nur um nicht mehr einsam zu sein. Natürlich will sie nicht jeden, aber der „malende“ Kurt Mailand (Jörg Gudzuhn) scheint ihr zu gefallen.
So ließe sich die Beschreibung jeder einzelnen Figur lebhaft fortführen. Den Betrachter haben besonders die Szenen in den Pausen vor dem Spiegel berührt, in denen jede/r ihr/ sein wahres Gesicht zeigt. Anspannung, Zweifel, Verletzlichkeit aber auch Hoffnung war in den Gesichtern zu erkennen.  Man hatte als Zuschauer den Eindruck, dass die großartigen Schauspieler alle ein wenig sich selbst spielten. Wahrscheinlich ist gerade diese Wahrnehmung die besondere schauspielerische Leistung des gesamten Teams.
Wir haben einen Film von einem großartigen Autor, Regisseur und Schauspieler gesehen. Verneigung vor Jan Georg Schütte für die Idee und mutige Umsetzung dieses Projektes.  
Großen Respekt bringen wir auch Ulf Albert entgegen, der die anspruchsvolle Aufgabe hatte, aus diesem umfangreichen Material eine Geschichte entstehen zu lassen. Dieses Experiment ist zu 100% gelungen.

 
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