51. Grimme-Preis 2015

Akte D (WDR/ MDR/ BR)

 

PreisträgerInnen

Christoph Weber (Buch/Regie)
Winfried Oelsner (Buch/Regie)
Florian Opitz (Buch/Regie)
Julia Meyer (Buch)
Beate Schlanstein (stellv. für die Gesamtredaktion Akte D)

Inhalt

Das dokumentarische Format „Akte D“ widmet sich aktuellen Themen und Problemen, die tief in der deutschen Geschichte verwurzelt sind. Historisch aufgearbeitet werden Entwicklungen der letzten 100 Jahre, deren Spuren noch heute sichtbar sind. Drei Folgen sind bisher produziert worden.
Erst 2002 wird der 93-jährige Friedrich Engel von der deutschen Justiz verurteilt. Der SS-Mann hat sich in den letzten Kriegsjahren den Namen ‚Schlächter von Genua‘ gemacht. Als er stirbt, hat er für seine Verbrechen keinen einzigen Tag im Gefängnis gesessen. Genauso geht es weiteren über 450000 Deutschen, einigen wenigen bis heute. Bei den allermeisten kam es nicht einmal zum Prozess – „Akte D“ zeichnet dieses Versagen der Nachkriegsjustiz nach.
Wie die Justiz schweigt auch die Deutsche Bahn über ihre braune Vergangenheit und ihr Versagen bei der Aufarbeitung nach 1945. Erst der jüngst in den USA diskutierte „Holocaust Rail Justice Act“ beginnt, Licht auf die maßgebliche Rolle der früheren Reichsbahn bei Deportation und Zwangsarbeit zu werfen. Doch auch heute noch, so der zweite Teil von „Akte D“,  wird im Unternehmen jede Diskussion über Entschädigungsforderungen abgeblockt.
Eine noch längere historische Kontinuität, so der dritte Teil der „Akte D“-Reihe, besitzt ein anderer deutscher Wirtschaftszweig: Die Stromkonzerne. Nur aus der Geschichte kann verstanden werden, warum ihre Lobby so einflussreich ist, wie sie auf Staatskosten Gewinne einfahren und weshalb sie die Energiewende so heftig bekämpfen.

Stabliste

Buch: Teil 1: Christoph Weber, Teil 2: Winfried Oelsner, Teil 3: Florian Opitz, Julia Meyer
Regie: Teil 1: Christoph Weber, Teil 2: Winfried Oelsner, Teil 3: Florian Opitz
Kamera: Teil 1 Frederik Walker, Teil 2+3 Jörg Adams
Schnitt: Teil 1 + 2: Kawe Vakil, Teil 3: Marc Accensi
Ton: Teil 1: Dennis Broer, Teil 2: Sias van Zyl, Teil 3: Bastian Barenbrock
Produktion: taglicht media
Redaktion: Beate Schlanstein (WDR), Thomas Kamp (WDR), Astrid Harms-Limmer (BR), Martin Hübner (MDR)
Erstausstrahlung: ab Montag, 13.10.2014, 23.30 Uhr, Das Erste
Sendelänge: je 44min.

Begründung der Jury

Geschichts-Dokus und -Doku-Serien im Fernsehen? Ach je. Wer hier nicht gleich laufen geht, ist unzurechnungsfähig oder hat zu wenig Hobbys. Eigentlich ein trauriger, wenn nicht katastrophaler Befund nach tausend Jahren Guido Knopp, Annette Tewes & Co., die der demokratischen TV-Kultur erfolgreich die historische Bildung ausgetrieben haben. Dass es dennoch beeindruckende, alles Sonstige in den Schatten stellende Ausnahmen gibt, darauf hat ein Fernsehpreis hinzuweisen. Bei „Akte D“ ist gut beraten, wer den Finger vom Umschaltknopf der Fernbedienung lässt. Warum?
„Akte D“ bricht radikal mit dem Geschichtsklitterungsentertainment des Mainstreams. Das Format kapituliert nicht vor dem Erzählkino‚ wie alles sich ereignet hätte, wenn...‘ oder warum Opa nicht anders konnte, als er musste. Es vermeidet, Nazi-Wochenschauen für die verlässlichen Zeugen zu nehmen, unhinterfragt die notorisch unschuldigen Täter vor schwarzem Vorhang daher schwadronieren zu lassen. Hier findet Rückbesinnung statt auf die Arbeit des ernst zu nehmenden Historikers: Indem man in die Archive geht und Dokumente auswertet - mit dem Ziel vor Augen, differenziert zu erzählen und kritisches Bewusstsein anzuregen.
So findet rechtsstaatlich verpflichtetes und sozialpolitisch engagiertes Fernsehen wieder zu sich selbst: Die gegenwärtige Medienkultur vermittelt Informationen Tag und Nacht, überwiegend aber in unverbundenen Einzelmeldungen. Heute ist bereits vergessen, was gestern wichtig war. Zudem führt liberalistische Vereinzelung des Menschen zum Abbau von Geschichtsbewusstsein. Die Macher von „Akte D“ haben erkannt, dass historische Bildung Grundlage der Demokratie ist und stemmen sich dem stetigen Verlust chronologischer Kontinuität entgegen.
In allen Folgen gibt sich somit das Gegenprogramm zum narkotisierenden Historismus zu erkennen. Keine bloße Anhäufung von Material, keine Einfühlung und Identifikationshascherei. „Akte D“ gelingt es, ein geschichtliches Kontinuum herzustellen: Strukturen der Gegenwart als geschichtlich bedingte zu entlarven. Es holt die Spuren des Vergangenen aus dem dunklen Schacht vergangener Geschichte hoch in die unabgeschlossene Geschichte der Gegenwart. Umgesetzt wird das gekonnt mit den hierfür nötigen Mitteln des Fernsehens – und zum Glück mehr nicht. Das Ergebnis ist klug, sachorientiert, unaufgeregt, konzentriert – und preiswürdig.

 
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