49. Grimme-Preis 2013

Seelenvögel (WDR)

 

PreisträgerInnen

Thomas Riedelsheimer (Buch/Regie/Kamera/Schnitt)
Produktion:
Filmpunkt
Erstausstrahlung:
Das Erste, Mittwoch. 21.11.2012, 0.00 Uhr
Sendelänge:
90’

Inhalt

Pauline, Richard und Lenni sind an Leukämie erkrankt. Alle drei sind vollkommen unterschiedlich, gleichen sich aber in ihrer Beziehung zum Leben. „Wenn man an ein neues Leben glaubt, was soll denn dann der Tod noch sein?“, fragt Pauline. Sie ist 15, möchte kämpfen und will unbedingt Schauspielerin werden. Der zehnjährige Richard hingegen mag Fußball und Schach. Lenni, sechs Jahre alt, leidet neben seiner Leukämie auch am Downsyndrom, zieht mit seinem Charme die Leute um ihn herum sofort in seinen Bann. Alle drei Kinder meistern das Leben auf ihre eigene Art. Nicht alles muss schlimm sein mit Leukämie. Triste Krankenhausbilder zeigen in manchen Momenten auch die fröhlichen Seiten des Lebens – die Freude über einen Besuch oder ein gemeinsames Spiel, das Lachen über einen Witz. Doch wird in „Seelenvögel“ auch deutlich, wie die Diagnose Leukämie die Familien belastet. Lennis Eltern verzichten bei ihrem Sohn auf eine aussichtslose Chemotherapie. Er stirbt noch während der Dreharbeiten. Auch Pauline verliert den Kampf um ihr Leben. Kurz nach Weihnachten stirbt sie. Ihre Familie trifft sich zum Frühstück auf dem Friedhof. „Wenn wir alle zusammensitzen, habe ich das Gefühl, sie ist integriert. Dann tut das nicht mehr so weh.“ Nur Richard gewinnt vorerst den Kampf gegen die Leukämie. Nach seiner Entlassung spielt er Fußball – und macht ein Tor. „Wir sind alle Vögel“, sagt ein Freund von Lenni nach dessen Tod. „Wir sind Seelenvögel. Wenn man im Himmel ist, dann sehen wir uns alle wieder. Also können wir gar nicht sterben.“

Stab

Produktion: Filmpunkt

Federführender Sender: WDR

Buch/Regie: Thomas Riedelsheimer

Bildgestaltung: Thomas Riedelsheimer

Schnitt: Thomas Riedelsheimer

Ton: Anna Brass

Musik: Marina Schlagintweit, André Buttler, Max Hundelshausen, Elischa Kaminer

Redaktion: Jutta Krug (WDR)

Jurybegründung

„Seelenvögel“ ist ein Film, der einen zum Weinen bringt, ohne traurig zu machen. Er berührt durch seine emotionale Kraft und die Nähe zu den drei Menschen im Mittelpunkt: Pauline, Lenni und Richard. Respektvoll und mit Wärme begleitet Thomas Riedelsheimer die drei leukämiekranken Kinder und Jugendlichen. Wie sie sich den Tod vorstellen, Theater spielen, therapiert werden, auf die Geburt des Bruders warten, spielen. Ein existenzieller Film über einen Tod, der in das Leben eingebettet ist.

„Seelenvögel“ ist dicht dran, ohne reißerisch zu sein oder emotional diktatorisch zu werden. Er ist dual – er berührt das Herz und lässt dem Zuschauer zugleich Raum für den Verstand. Wie will ich sterben? Was würde ich tun, wenn das mein Kind wäre? Oder ich? Kann es einen guten Tod geben? Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

Der Film zeigt, was die Kinder und ihre Familien tun: im Moment zu sein und Mensch zu sein. Sie lachen und weinen, sind beieinander oder allein, kuscheln, zweifeln, machen sich Gedanken über das Woher und Wohin. Thomas Riedelsheimer gelingt es, das einzufangen, den Zuschauer teilhaben zu lassen an den Gedanken und Gefühlen, am Leben und am Sterben und trotzdem Abstand zu halten und die Emotionen nicht auszubeuten.

Was in vielen Szenen des Films deutlich wird, ist das, was Pauline in ihrem Tagebuch schreibt, aus dem wir Zuschauer Passagen hören: „Der wichtigste Mensch ist der, mit dem man im Moment zusammen ist. Die wichtigste Tat ist immer die, die man gerade tut. Und der wichtigste Moment ist immer der Augenblick.“

Eine der berührendsten Szenen spielt nach Lennis Tod. Seine Kindergartenfreunde bemalen seinen weißen Sarg: Während sie mit Pinseln und Fingern Elefanten, Herzen und Engel malen, sprechen sie über den Tod. Als erwachsener Zuschauer stockt einem der Atem – kleine Kinder konfrontiert mit etwas, das niemand erfassen kann...? Die Kinder aber beschäftigen sich hingebungsvoll und pragmatisch mit dem Tod ihres Freundes. Ist der Stoff innen im Sarg weich genug für Lenni? Ob es im Himmel Spielplätze gibt? Wann genau wird man ein Engel, wenn man auf den Friedhof gebracht wurde? Ein Kind ist sich sicher: „Wir können gar nicht sterben. Wir sehen uns da oben wieder. Wir sehen uns immer.“

Es ist ein Geschenk, Pauline, Lenni und Richard kennenlernen zu dürfen. Es schockiert, Pauline und Lenni auf ihrem Totenbett zu sehen und verabschieden zu müssen. Und es tröstet, dass es diesen Film gibt.

 
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