49. Grimme-Preis 2013

Der letzte schöne Tag (WDR)

 

PreisträgerInnen

Dorothee Schön (Buch)
Johannes Fabrick (Regie)
Wotan Wilke Möhring (stellv. für das Ensemble)

Produktion: hager moss film
Erstausstrahlung: Das Erste, Mittwoch, 18.01.2012, 20.15 Uhr
Sendelänge: 88‘

Inhalt

„Kann heut später werden. Der erste schöne Tag in diesem Jahr. Das müssen wir ausnutzen.“, sagt Lars am Telefon zu seiner Frau Sibylle, während er auf einer Baustelle als Landschaftsarchitekt arbeitet. Auch die gemeinsamen Kinder Maike und Piet ruft Sibylle an, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich an diesem Tag bei Freunden übernachten. Dann begeht Sibylle Selbstmord. Ihren Suizid hat sie angekündigt, mit einer zeitversetzten E-Mail. Und Lars findet sie schließlich in dem Wald, in dem die junge Familie ihren letzten Sonntagsausflug unternommen hat. Schnell wird klar: Sybille, die Anästhesistin, hat sich eine Überdosis gespritzt. Die Polizei findet in ihrer Jacke einen Abschiedsbrief, in dem sie erklärt, dass sie mit ihren Depressionen nicht mehr weiterleben könne. Sibylle bittet ihren Mann Lars, ihre Tochter Maike und ihren Sohn Piet um Vergebung. Gelähmt und erstarrt versucht Lars zu funktionieren, gerade für die zwei gemeinsamen Kinder. Ein Sarg muss ausgesucht, die Trauerfeier für seine verstorbene Frau organisiert und der Anrufbeantworter neu besprochen werden. Bis zur Beerdigung hält er durch, dann bricht er schließlich zusammen. Seine Familie muss mit den Gefühlen aus Trauer, Schuld, Wut und Verzweiflung fertig werden. Nach Sibylles Freitod blickt Lars nicht in die Zukunft, sondern sieht sich mit der gemeinsamen Vergangenheit konfrontiert. „Wer war Sibylle eigentlich? Habe ich sie eigentlich wirklich gekannt?", fragt der Witwer einen Freund beim gemeinsamen Bier. Eine Antwort gibt es nicht mehr.

Stab

Produktion: hager moss film
Federführender Sender: WDR
Buch: Dorothee Schön
Regie: Johannes Fabrick
Kamera: Helmut Pirnat
Schnitt: Monika Abspacher
Ton: Wolfgang Wirtz
Musik: Oli Biehler
Darstellung: Wotan Wilke Möhring, Matilda Merkel, Nick J. Schuck, Julia Koschitz, Lavinia Wilson
Redaktion: Anke Krause, Götz Schmedes

Jurybegründung

„Der letzte schöne Tag“ beginnt als Tragödie. Eine Frau, die wir nicht sehen, ruft der Reihe nach ihren Mann, ihre pubertierende Tochter und ihren sechs Jahre alten Sohn an. Sie stellt dabei sicher, dass sie am Abend allein zu Hause sein wird. Gefunden wird sie am nächsten Morgen im Kölner Stadtwald. Sie, Narkoseärztin von Beruf und an Depressionen leidend, hat sich das Leben genommen.
Fortan ist der Film eine Elegie. Etwas mehr als eine Woche lang folgt er den Hinterbliebenen. Er zeigt, dass und wie ihr Leben weitergeht. Seine Wahrhaftigkeit besteht darin, dass er die sofort nach dem Auffinden der Toten wieder einsetzende Alltagsrealität in allen Details entfaltet und festhält. Nichts wird je mehr so sein, wie es gerade noch war. Aber alles behauptet auch weiterhin sein Recht auf schieren Fortgang und folgerechtes Handeln.
Eine der großen Stärken des Drehbuchs von Dorothee Schön besteht im Verzicht. Also gibt es, von ein, zwei kurzen Dialogen abgesehen, so gut wie keine nachgereichte Erklärung für die Krankheit und den Suizid der aus wohlsituierten Verhältnissen stammenden Sybille Langhoff (Julia Koschitz).
Solcher Verzicht verdichtet den Verlust, den ihr Fehlen bedeutet. Und er schafft Raum für eine Fülle von psychologisch präzisen Szenen, in denen sich die hinterbliebenen Mitglieder der Familie den Folgen dieses Fehlens stellen müssen. Vom Gang zum Bestattungsunternehmer bis zum Bestehen des Begräbnisses: Der Film entwickelt daraus eine tief berührende Phänomenologie des Trauerns durch Tätigsein.
Wotan Wilke Möhring spielt Lars Langhoff, den auf die radikalste Weise verlassenen Ehemann, mit einer enormen Spannbreite emotionaler Valeurs. Gegenüber den Kindern ist er einfühlsam bis zur Selbstverleugnung und stark bis zur Zerbrechlichkeit. Lange Zeit meistert er alles. Aber wenn auf dem Friedhof dann Verse der Dichterin Mascha Kaléko rezitiert werden, bricht er weinend zusammen: eine Szene elementarer Ohnmacht - und großer Kunst.
Herausragend hat der Regisseur Johannes Fabrick auch die beiden Kinderrollen in Szene gesetzt. Er gibt ihnen alle auch nur denkbaren und für das jeweilige Alter auch völlig glaubhaften Regungen und Reaktionen mit auf den Weg. Entsprechend überzeugen die jungen Darsteller Nick Julius Schuck und Matilda Merkel. Am Ende des Films ändern Lars und die Kinder die Ansage auf dem häuslichen Anrufbeantworter. Natürlich versprechen sie sich dabei und müssen über sich selber lachen. Auch dieses Ende ist im Grunde zum Heulen - und auch deshalb ist es mehr als gut.

 
Zurück