48. Grimme-Preis 2012

The Other Chelsea (ZDF)

 

PreisträgerInnen

Jakob Preuss (Buch/Regie)

für

The Other Chelsea (ZDF)

Produktion: Kloos & Co. Medien

Inhalt

Noch ist das neue Stadion von Schachtjor Donezk nicht fertig, aber die Einweihung steht kurz bevor. Milliardär Rinat Achmetow, das ukrainische Gegenstück zum englischen Chelsea-Magnaten Abramowitsch, hat viel Geld in die neue Arena investiert. Achmetow ist Präsident eines Vereins, mit dem viele Menschen in der ostukrainischen Stadt ihre Hoffnungen verbinden. Die Region im Donezkbecken ist landschaftlich trist. Politisch wählt man mit über 90 Prozent den national-konservativen und Russland zugewandten Viktor Janukowitsch, der durch die orangene Revolution zunächst sein Amt verlor. Doch in Donezk hält man ihm die Treue. Menschen in allen Schichten finden, dass er die guten, alten Zeiten verkörpert. So sehen das Stadtratspräsident Kolja, aber auch der Schachtarbeiter Sascha und seine Frau Walja. “Zu Sowjetzeiten war alles in starker Hand”, finden sie. Ihre Wünsche nach einer besseren Zukunft projizieren die Einwohner auf Schachtjor. Jakob Preuss zeigt eine Gesellschaft, in der die Schachtarbeiter ihren geringen Lohn unter widrigen Arbeitsbedingungen verdienen, während gleichzeitig für das neue Stadion Millionen ausgegeben werden. Das freut die örtliche Elite um Stadtratspräsident Kolja, denn die Nähe zur Macht ermöglicht ihm ein luxuriöses Leben. Verbindendes Element ist für beide Seiten nur die unbedingte Liebe zu ihrem Verein. Für 90 Minuten sind alle Ungerechtigkeiten und Korruptionsvorwürfe vergessen. Dann zählt, was auf dem Platz geschieht. Am Ende gewinnt Schachtjor Donezk den UEFA-Cup, doch die ungewisse Zukunft der Region bleibt.

Stab

Produktion: Kloos & Co. Medien GmbH

Federführender Sender: ZDF

Buch:/Regie: Jakob Preuss

Kamera: Eugen Schlegel, Pavel Kazantsev, Roman Yelenski, Maxim Kuphal Potapenko, Philipp Gromov, Felix Korfmann

Schnitt: Markus CM Schmidt, Philipp Gromov, Lena Rem

Ton: Oleg Goloveshkin

Musik: Dominik Sprungala

Erstausstrahlung: ZDF, Montag, 27.06.2011, 0.20 Uhr

Sendelänge: 88 Min

Jurybegründung

Sahsas Godot heißt Rinat Achmetow. Der muss investieren, die marode Kohlemine Pulitkowskaja in Donezk zu neuem Aufschwung führen. Sahsa, 55, war dort 30 Jahre lang unter Tage, jetzt hockt er im Büro; wie seine Kumpels ist er eingeschlossen in einer Stimmungsblase aus Melancholie, der Sehnsucht nach ruhmreichen Sowjetzeiten und dem Erfolg von Schachtjor Donezk.

Koljas Godot heißt auch Achmetow. Der Jungpolitiker und Jungunternehmer, 28, sucht die Nähe zum mächtigen Mann. Der Milliardär und Schachtjor-Eigner aber lässt sich in seiner fernen VIP-Lounge feiern. Neben ihm steht Viktor Janukowitsch, Chef der „blauen“ Partei der Regionen, Widerpart der „Orangenen Revolution“ in Kiew. Alle wollen was von Achmetow: Sascha Arbeit, Kolja Aufstieg, Janukowitsch Macht, und ach ja, Jakob Preuss, Regisseur und Autor von „The Other Chelsea“, will Kontakt zur Zentripetalkraft im Dreieck ausWirtschaft, Business und Sport.

Godot bleibt seinem Nimbus treu. Der Oligarch ist unnahbar, undurchsichtig, ein Grüßonkel und Feinlächler. Vielleicht will er mit Roman Abramowitsch gleichziehen, der als Besitzer des Londoner Klubs FC Chelsea in der Milliardärsliga spielt. Kommt Zeit, kommt die Zeit von Schachtjor Donezk. Das Leben ist eine Matroschka. Wahrheiten gibt es mehrere, hat nicht nur Kolja gelernt.

Im Stadion finden sie sich alle ein, die Preuss als Mitspieler für seine Donezk-Assemblage engagiert. Zentralachse ist der Verein, der während der Dreharbeiten mit Brasilianern den Uefa-Cup gewinnt. Und wer hat sie eingekauft, wer baut die neue Fußball-Kathedrale? Rinat Achmetow, der Patriot, the other chelsea, Held des bedingungslosen Fans Sasha und Leitstern von Kolja, Fan aus Opportunismus.

Preuss macht keinen Fußballfilm, der Autor hat gar keine Bilderrechte. Also behilft er sich mit Knetmasse und Animation, mit Spielfotos und Spielfreude. Putzig wirkt das nicht, so wenig wie das übrige Arrangement der Themen und Figuren. Preuss' Introspektion der Oben-und-unten-Strukturen kommt leichtfüßig daher. Der Zuschauer wird informiert, und er wird unterhalten.

Der souverän komponierte Film überzeugt auf seinen rhythmischen Ebenen, bei der Dramaturgie, bei der Regie, bei Schnitt und Musik. Preuss ist den Sahsas und Koljas sehr nahe, doch macht er sich nicht gemein. Er agiert mit den Aufsteigern und den Abgestiegenen. Skurrilität ergibt sich unter der Hand. Allein Godot, der bleibt ein Schemen. Kolja und Sahsa gehen weiter ins Stadion, sie warten weiter. Nur schauen sie in verschiedene Richtungen.

 
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