48. Grimme-Preis 2012

Liebesjahre (ZDF)

 

PreisträgerInnen

Magnus Vattrodt (Buch)
Matti Geschonneck (Regie)
Iris Berben, Peter Simonischek, Nina Kunzendorf, Axel Milberg (Darstellung)

für

Liebesjahre (ZDF)

Produktion: MOOVIE - the art of entertainment

Inhalt

Die Möbel sind abgedeckt, die Stühle stehen auf dem Esstisch. Mehr als zehn Jahre ist das alte Landhaus in Holstein nicht mehr bewohnt. Davor lebten Vera und Uli mit den gemeinsamen Kindern fast 22 Jahre in den vier Wänden. Die beiden, inzwischen geschieden und mit neuen Partnern zusammen, haben sich seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Nun treffen sie noch einmal aufeinander, denn Vera will das Haus verkaufen. Auf viel Gegenliebe stößt diese Entscheidung bei Uli nicht. Er wirft ihr vor, sich nur aus finanziellen Motiven von der gemeinsamen Vergangenheit trennen zu wollen. In der Tat verstecken sich hinter jeder Ecke viele Erinnerungen, jedes Möbelstück hat eine Geschichte. “Viel gefährlicher als jeder Aufbruch ist die Rückkehr”, erzählt Vera zu Beginn. “Du wirst nur finden, was Du verloren hast.” Wäre die Situation für beide nicht schon schwer genug, kommt hinzu, dass auch Ulis neue Frau, Johanna, beim Verkauf dabei ist. Auch als Veras neuer Partner, Darius, vorbeischaut, um sie moralisch zu unterstützen, wird es nicht einfacher. Trotz aller Vorwürfe, Provokationen und Beleidigungen zwischen Vera und Uli, besteht immer noch eine Bande. So wird das Treffen für beide eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit. Als Darius durch Zufall herausfindet, dass Vera in den vergangenen Jahren das verlassene gelegentlich Haus aufgesucht hat, eröffnet sie Uli ihr wahres Motiv für den Hausverkauf und ihre zunehmende Zurückgezogenheit: Vera ist todkrank. Seit ihrer Diagnose denkt sie an die schönen Zeiten ihrer gemeinsamen Ehe und lässt Uli noch einmal ganz nah an sich heran. “Danke für deine Zeit”, sagt sie. “Ich bin müde.”

Stab

Produktion: MOOVIE - the art of entertainment

Federführender Sender: ZDF

Buch: Magnus Vattrodt

Regie: Matti Geschonneck

Kamera: Carl-Friedrich Koschnick

Schnitt: Karola Mittelstädt

Ton: Andy Walther, Maj-Linn Preiss

Musik: Florian Tessloff

Darstellung: Iris Berben, Peter Simonischek, Nina Kunzendorf, Axel Milberg

Redaktion: Daniel Blum

Erstausstrahlung: ZDF, Montag, 05.12.2011, 20.15 Uhr

Sendelänge: 90 Min.

Jurybegründung

Alten Resten eine Chance? Vera (Iris Berben) und Uli (Peter Simonischek) räumen das Haus aus, das sie ihr Eheleben lang bewohnten und als Geschiedene jahrelang nicht verkauft haben. Jetzt ist es soweit. Ein Abend noch und eine Nacht, die Käufer stehen vor der Tür. Uli ist mit dem Möbelwagen gekommen. Er will alles mitnehmen, was Vera stehenlassen würde. Vera geht mit einem Blatt Papier in der Hand durchs Haus, wirft in die verlassenen Zimmer kühle Blicke, als wäre sie die Maklerin. Kurz ist die Liste der Gegenstände, die sie für ihre Töchter retten soll. Alles so schön geplant. Männlich-sentimental, weiblich-geschäftsmäßig. Alles kommt anders.

Ein klassisches Kammerspiel. Man könnte es auch auf die Bühne bringen. Magnus Vattrodt hat ein bewundernswert dichtes Drehbuch geschrieben. Der einzelne Satz erhält einen im Redundanzmedium Fernsehen ganz ungewöhnlichen Resonanzraum. Lauter letzte Worte werfen die Akteure einander an den Kopf. Sie wollen die Sache zum Abschluss bringen und setzen dadurch die Dinge in Bewegung. Die Handlung ist tragisch, im förmlichen und im alltäglichen Sinne. Jeder Beteiligte sieht am Ende der Wahrheit über die eigene Person ins Auge.

Die Kammer in diesem Spiel, der Ort der Wahrheit, ist das Haus. Auf der Bühne müsste man es nachbauen, als Vorbedeutungsgerüst in den Raum stellen. Im Film steht es da. Es wird nicht pathetisch in Szene gesetzt, nicht in nostalgisches Licht getaucht. Keine Rückblenden. Auf das vergangene Glück verweist nur noch nur ein Abbild des Hauses, ein graues Foto. Der Verzicht auf filmische Tricks trägt zur Qualität des Films bei. Konzentration ist die Handschrift des Regisseurs Matti Geschonneck. Symbole werden mit Dezenz eingesetzt. Sie sollen sich nicht abnutzen. Uli ist Architekt. Mit seiner zweiten Frau Johanna (Nina Kunzendorf) hat er sich etwas Neues aufgebaut. Die Fassade bröckelt schnell.

Veras Freund Darius (Axel Milberg) kommt vom Theater. Er gibt zunächst den Schalk und wird zwangsläufig hineingezogen in ein Drama, das Publikum braucht. Gefühle wollen artikuliert werden, daher ist der Dritte immer schon im Haus gewesen. Das mag die Wahrheit dieses Films über die Ehe sein.

Grandios jedenfalls wird im Spiel der vier Schauspieler das Unentrinnbare des Rollenspiels deutlich. Alten Resten eine Chance: Dass der Film ohne extravagant erfundene Wendungen auskommt und alles aus dem normalsten Lebensstoff entwickelt, macht seine Wucht und seine Nachhaltigkeit aus.

 
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