48. Grimme-Preis 2012

Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule (ARD/SWR/HR)

 

PreisträgerInnen

Regina Schilling (Buch/Regie)
Luzia Schmid (Buch/Regie)

für

Geschlossene Gesellschaft –
Der Missbrauch an der Odenwaldschule
(ARD/SWR/HR)

Produktion: zero one film

Inhalt

“Hier auf der Odenwaldschule ist alles erlaubt”, sagte Gerold Becker einmal bei einer Einschulungsveranstaltung. Im Rückblick bringt man mit der Aussage des ehemaligen Leiters der Lehranstalt weniger den radikal antiautoritären Erziehungsansatz in Verbindung als vielmehr die 130 offiziell bekannten Missbrauchsfälle, die nicht nur durch ihn selbst, sondern auch Lehrerkollegen und ältere Schüler begangen worden sind. Was für die Mehrheit der Schüler als “Insel außerhalb des Festlandes” begann, wurde für viele von ihnen zu einem nicht endenden Alptraum. Vor allem Becker wusste, wie er sich bei Jungen beliebt machen konnte: Lange Partys, endlose Trinkgelage, laute Musik – seine Verführungskunst blieb auch den Lehrerkollegen nicht verborgen. Doch nur wenige nahmen Anstoß. Eines der Opfer klagt noch heute an. Wenn nur gefragt worden wäre, hätten sie auch eine Antwort bekommen. Für viele zerbrach damals ein Stück Heimat und Identität. Luzia Schmid und Regina Schilling stellen in ihrer Dokumentation die Frage nach Schuld, dem Wegsehen und nicht wahrhaben Wollen, dem Vertuschen. Im Film sprechen ehemalige Opfer des pädophilen Treibens an der Odenwaldschule ebenso wie die Pädagogen, die damals unterrichtet haben. “Wir sind zu Komplizen der Täter geworden”, so ein ehemaliges Mitglied des Kollegiums, der bereut nichts unternommen zu haben. Einem Schüler, der ihn nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle mit den Vorwürfen konfrontieren wollte, sagte Becker: “Ich habe eine gute Zeit gehabt.” Becker selbst verstarb 2010. Aufgrund von Verjährung konnte auch niemand sonst für die Taten belangt werden.

Stab

Produktion: zero one film
Federführender Sender: SWR
Buch/Regie: Regina Schilling, Luzia Schmid
Kamera: Johann Feindt, Jörg Adams, Hajo Schomerus, Patrick Doberenz
Schnitt: Barbara Gies
Ton: Jule Cramer, Axel Schmidt, Tassilo Letzel, Philipp Enders, Stavros Charitidis
Redaktion: Martina Zöllner (SWR), Esther Schapira (HR)
Erstausstrahlung: Das Erste, Dienstag, 09.08.2011, 22.45 Uhr
Sendelänge: 88 Min.

Jurybegründung

Die 100-Jahr-Feier der Odenwaldschule 2010 bildet die Klammer des Dokumentarfilms "Geschlossene Gesellschaft" von Luzia Schmid und Regina Schilling über die Missbrauchsfälle am hessischen Reforminternat. Der eigentlich freudige Anlass gerät zum Forum der verschleppten Aufarbeitung unvorstellbarer Gewalttaten.

Ausgerechnet dort, wo man nach dem Krieg angetreten ist, seine Schüler zu freien Menschen zu erziehen - Leitspruch: Werde, wer du bist - sollen der frühere Schulleiter Gerold Becker und 17 andere Täter Jugendliche durch sexuelle Übergriffe fürs Leben traumatisiert haben. Wenn ein früherer Schüler vom "unglaublichen Geschoss" eines Lehrers erzählt, das er bis zur Ejakulation massieren musste, gibt es nichts mehr zu beschönigen, zu relativieren, gar zu leugnen oder zu vertuschen, wie es an der Odenwaldschule über Jahrzehnte der Fall war.

Nicht ohne Sympathien für den Geist der Schule, den sie mit historischen Fotos beschwören, versuchen die Autorinnen, im Film repräsentiert durch die Off-Sprecherin Luzia Schmid, die die Schweizer Schwesterschule besuchte und persönliche Erfahrungen einbringt, das Versagen eines Schulmodells zu ergründen und geben schon mit dem Titel einen wichtigen Hinweis. Die mit der Odenwaldschule verbandelte Elite hat ihren alleinherrschenden Lieblingspädagogen Becker stets gedeckt und so dafür gesorgt, dass der nach seinem Ausscheiden 1985 nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

Beckers Fähigkeiten als Lehrer bezweifelt selbst der anonyme Betroffene nicht, der im Film ausführlich zu Wort kommt. Es ist ein Verdienst der Autorinnen, dass sie den Eindruck dieser Zerrissenheit zwischen Opfer und Fan zulassen, ohne dadurch Beckers unleugbare Schuld zu schmälern.

Ganz ohne marktschreierische Schuldzuweisungen zeigen Schmid und Schilling Lehrer, die sich ihrer Mitverantwortung stellen, ihrer Blindheit, ihrer Feigheit, bereit sind, ihr Bild von Becker, der Schule und der eigenen Rolle zu revidieren. Sie lassen aber auch dessen uneinsichtigen Nachfolger zu Wort kommen: "Ich bin jemand, der seine Integrität immer gewahrt hat", sagt Wolfgang Harder. "Ich sitze nicht in dem Boot."

Erst die nächste Schulleiterin Margarita Kaufmann forciert die Aufarbeitung. Bei der 100-Jahr-Feier verbindet sie eine Schweigeminute für die Betroffenen etwas unglücklich mit der Nachricht vom Tod Gerold Beckers. Der Film entlässt den Zuschauer betreten: Auf dieser Schule lastet eine schwere Hypothek, die Schmid und Schilling unaufgeregt benennen und aufwühlend reflektieren.

 
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