48. Grimme-Preis 2012

Die Hebamme – Auf Leben und Tod (ZDF/ORF)

 

PreisträgerInnen

Peter Probst (Buch)
Dagmar Hirtz (Regie)
Jo Heim (Bildgestaltung)
Brigitte Hobmeier (Darstellung)
Rudi Czettel (Szenenbild/Ausstattung)

für

Die Hebamme – Auf Leben und Tod (ZDF/ORF)

Produktion: Roxy Film, SK Film

Inhalt

Im frühen 18. Jahrhundert spielen Glaube und lokale Hierachien in Tirol eine große Rolle. Die junge Rosa Koelbl hat ihr Dorf bisher nicht verlassen und wird bei jeder Geburt gebraucht. Sie ist Hebamme. Doch ihr Leben und das ihrer Schwester Anna ändert sich, als Anna schwanger wird. Sie wird vom Vater zurückgewiesen und will nicht mit der Schande leben. Aus diesem Grund versucht sie, sich das Leben zu nehmen. In letzter Sekunde können Rosa und Medicus Gennaro Kauner die 17jährige retten. Nach diesem einschneidenden Erlebnis entschließen sich Rosa und ihre Schwester mit dem Medicus in die Stadt zu gehen. Hier arbeitet Kauner in einer Gebäranstalt, die weitaus bessere und modernere medizinische Bedingungen bietet. Rosa wird Ausbilderin und soll künftig die Frauen davon überzeugen, ihre Kinder in der Anstalt zur Welt zu bringen. Aber Medicus Kauner riskiert bewusst das Leben junger Patientinnen, um den Kaiserschnitt zu lernen. Rosa kommt in Konflikt mit der Schulmedizin: “Ich bin dafür da, dass Kinder leben”, sagt sie. Als sie das Baby einer Mutter, die bei einem Kaiserschnitt gestorben ist, bei sich behält, muss sie zusammen mit ihrer Schwester zurück in ihr Dorf flüchten. Dort betrachten sie aber viele als Hexe, die Frauen gegen Männer aufhetzt. Als Rosa die Nottaufe bei der Geburt von Annas Kind nicht richtig ausführt, weil sie davon überzeugt ist, dass verunreinigtes Wasser die Schwangeren krank macht, wird sie vom Pfarrer bei der Gendamerie angezeigt. Sie verliert ihre Zulassung und muss für drei Jahre ins Gefängnis. “Ich habe nichts Unrechtes getan”, ruft sie am Ende.

Stab

Produktion: Roxy Film GmbH & Co. KG in Koproduktion mit SK FILM für ZDF und ORF Federführender Sender: ZDF

Buch: Peter Probst nach einer Vorlage von Monika Bittl

Regie: Dagmar Hirtz

Kamera: Jo Heim

Schnitt: Nicola Undritz

Musik: Gerd Baumann, Gregor Hübner

Ton: Oliver Jergis

Darstellung: Brigitte Hobmeier, Misel Maticevic, August Zirner, Pippa Galli, Karl Fischer, Anna Maria Sturm, Amelie Kiefer, Maria Hofstätter, Johanna Bittenbinder

Redaktion: Anja Helmling-Grob (ZDF), Klaus Lintschinger, Klaus Hipfl (ORF)

Erstausstrahlung ZDF: Montag, 09.05.2011, 20.15 Uhr (ORF: 01.11.2010)

Sendelänge: 90’01“

Jurybegründung

„Die Hebamme“ ragt in jeder Hinsicht aus dem Jahresprogramm des ZDF heraus: Dieser Film hat nichts zu tun mit der üblichen Ästhetik eines Montagsfilms des Zweiten.

Das liegt zum einen an der Schauspielerin Brigitte Hobmeier, die die titelgebende Hebamme Rosa Koelbl spielt. Hobmeier gibt dem Film das Gesicht – ein unmodernes Gesicht, eines, das wirklich aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheint, das Gesicht einer Frau, die viel weiß und die viel durchgemacht hat in einer Welt, in der die Weiber nicht viel zählen und in der man – wie der Medizinalrat bedauernd anmerkt – „so ein Weibsbild ja nicht mehr als Hexe verbrennen kann“. Eine Frau, die zugleich zerbrechlich und stark ist, die allen Widerständen zum Trotz ihren Weg geht und die ihren Platz stets bei den anderen Weibern sieht.

Zum anderen liegt es an der sorgfältigen und bis ins kleinste Detail liebevollen Arbeit der Kamera von Jo Heim, des Bühnenbildners Rudi Czettel und der Kostümbildnerin Ingrid Leibezeder, die das karge, beschwerliche Leben in einem Tiroler Bergdorf zu Beginn des 19. Jahrhunderts in jeder Hinsicht nahe bringen.

Das Buch dieses Films, das Peter Probst nach einer Vorlage von Monika Bittl geschrieben hat, beruht auf der wahren Geschichte einer Hebamme jener Epoche. Die Zeit der Hexenverbrennung ist zwar vorbei, die Medizin macht Fortschritte, und selbst in das entlegene Tiroler Bergdorf kommt ein „Medicus“, der versucht, die Menschen aufzuklären darüber, dass schmutziges Wasser sie krank macht.

Die Hebamme Rosa Koelbl führt jedoch einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen Vorurteile und Bigotterie und vor allem gegen das männliche Recht immer und zu jeder Zeit über den weiblichen Körper zu verfügen. Da macht ihr der Medicus das Angebot, in seiner Gebäranstalt in der Stadt zu arbeiten. Doch Rosa muss feststellen, dass die Frauen auch hier vor allem als Menschenmaterial für fragwürdige medizinische Versuche herhalten sollen.

Wie der Film die Geschichte der Hebamme und des Medicus erzählt -- die einer des anderen Arbeit schätzen und durchaus mehr als Sympathie füreinander hegen, deren Liebe aber dennoch an den Verhältnissen scheitern muss --, ist einzigartig. Die Inszenierung dieser Frauengeschichte von Dagmar Hirtz ist nie vordergründig oder effektheischend. Buch, Regie, Schauspiel, Kamera und Ausstattung: Hier greift eins ins andere und verbindet sich zu einem stimmigen und stimmungsvollen Ganzen.

 
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