48. Grimme-Preis 2012

Der Brand (SWR)

 

PreisträgerInnen

Brigitte Maria Bertele

für

Der Brand (SWR)

Produktion: Filmsyndikat Filmproduktion

Inhalt

Judith und Georg sind seit mehr als sechs Jahren ein Paar. Sie ist Physiotherapeutin, er arbeitet als Lehrer. Als Judith eines Abends allein einen Salsa-Abend besucht, lernt sie Ralph Nester kennen, der ihr am Abend zahlreiche Komplimente macht. Er bietet Judith an, sie nach Hause zu begleiten. Doch der unscheinbare Flirt ist für die 35jährige der Beginn eines brutalen Alptraums: In der Dunkelheit wird sie auf dem Heimweg von Nester vergewaltigt. Orientierungslos wacht Judith am Morgen danach neben dem Flussufer auf. Bei ihrem Anwalt erstattet sie Anzeige gegen Nester. Doch dieser behauptet, beide hätten einvernehmlich miteinander geschlafen. Da die Verletzungen zu gering sind, hat sie kaum Chancen auf eine Verurteilung. Außerdem genießt Nester als Arzt in einer Privatklinik einen sehr guten Ruf. Die Tat hat bei Judith tiefe Spuren hinterlassen und ihr Leben verändert. Ralph Nester geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. „Ich werde ihn nicht los. Egal, was ich mache“, erzählt sie ihrem Freund Georg. Die Beziehung der beiden steht vor einer Zerreissprobe. Judith spürt Nester nach und dringt immer weiter in sein Leben ein. Unter einem Vorwand macht sie sogar Bekanntschaft mit Nesters Frau und seinen Kindern. Die Ehefrau ahnt nichts vom Doppelleben ihres Mannes. Die Tatsache, dass Nester nicht bestraft wird, belastet Judith schwer. Sie besucht noch einmal den Salsa-Club und provoziert ihn so stark, dass er sie krankenhausreif schlägt. Judith glaubt, Nester nur auf diese Weise ins Gefängnis bringen zu können. Nach dem Vorfall bemüht sich ihr Anwalt um ein beschleunigtes Strafverfahren.

Stab

Produktion: Filmsyndikat Filmproduktion

Federführender Sender: SWR

Buch: Johanna Stuttmann

Regie: Brigitte Maria Bertele

Kamera: Hans Fromm

Schnitt: Dominique Yvonne Geisler

Ton: Steffen Graubaum

Musik: Christian Biegai

Darstellung: Maja Schöne, Mark Wachke, Florian David Fitz, Wotan Wilke Möhring, Ursina Lardi

Redaktion: Stefanie Groß (SWR)

Erstausstrahlung: SWR, Mittwoch, 23.11.2011, 23.00 Uhr

Sendelänge: 97 Min.

Jurybegründung

Für Judith (Maja Schöne) endet der Samba-Abend in einem wahren Alptraum. Der charmante Tanzpartner, den sie gerade erst kennengelernt hat, vergewaltigt sie auf dem Heimweg. „Der Brand“ von Regisseurin Brigitte Maria Bertele, ausgestrahlt in der Debütfilm-Reihe des Südwestrundfunks (SWR), hält sich konsequent an die Perspektive des Opfers und verweigert sich auch der sonst üblichen Krimi-Erzählstruktur. Polizeiliche Ermittlungen werden nicht ausführlich thematisiert, dafür jedoch die Wirkungen ihres zynischen Ausgangs:

Auch weil die körperlichen Verletzungen des Opfers nicht schwer genug waren, kommt der Täter – ein angesehener Arzt – mit seiner Falschaussage ungeschoren davon. Damit wird die Frau noch ein weiteres Mal erniedrigt. Judith wehrt sich gegen diese Ungerechtigkeit, sucht die Begegnung mit dem Vergewaltiger, dringt sogar bis zu seiner Familie vor. Ihr Kampf gegen das eigene Trauma treibt sie bis zum Äußersten: Das Opfer opfert sich erneut, damit der Vergewaltiger endlich überführt werden kann.

Brigitte Maria Bertele erzählt eindrucksvoll von den verheerenden Folgen einer Vergewaltigung, von dem Verlust des inneren Gleichgewichts und der Zerstörung des eigenen Körpergefühls. Der Film beschreibt in visuell überzeugenden Szenen Judiths seelischen Zustand: das Gefühl, innerlich verbrannt zu sein, als Ausdruck für die Ohnmacht eines Verbrechensopfers. Die Verzweiflung treibt Judith zu extremen Handlungen, die schwer nachvollziehbar erscheinen, hier aber für den Betrachter filmisch glaubwürdig erzählt werden.

Mit „Der Brand“ wurde die 37-jährige Regisseurin wurde bereits zum zweiten Mal für einen Grimme-Preis nominiert. Zuvor hatte sie mit „Nacht vor Augen“ -- ihrer Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg über einen vom Afghanistan-Einsatz heimkehrenden Bundeswehr-Soldaten -- einen herausragenden Film fertiggestellt. Beide Filme entstanden in Zusammenarbeit mit der 32-jährigen Autorin Johanna Stuttmann.

Mit dem Eberhard-Fechner-Förderpreis will die Jury Brigitte Maria Bertele, die in Ludwigsburg Dokumentarfilmregie studiert hat und Autorin mehrerer Dokumentationen ist,  ausdrücklich ermutigen, ihre Arbeit auch mit fiktionalen Stoffen fortzusetzen.

 
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