47. Grimme-Preis 2011

Im Angesicht des Verbrechens (WDR/arte/Degeto/BR/SWR/NDR/ORF)

PreisträgerInnen

Buch: Rolf Basedow
Regie:
Dominik Graf
Kamera:
Michael Wiesweg
Schnitt:
Claudia Wolscht
Darstellung:
Max Riemelt, Ronald Zehrfeld, Mišel Maticevic, Marie Bäumer

Redaktion: Wolf-Dietrich Brücker (stellvertretend für die Redaktionen)

Produktion: Typhoon, Marc Conrad; Kathrin Bullemer

Erstausstrahlung: ab Dienstag, 27.4.2010, 22.00 Uhr

Sendelänge: 10 Folgen, je 49 Min.

Inhalt

Die Suche nach einem Kriminellen führt Marek Gorsky und Sven Lottner, Polizisten im Abschnitt 6 der Berliner Bereitschaftspolizei, in eine Russendisco. Sie ahnen zunächst weder, dass die Gruppe junger Männer, die in der Disco ausgelassen feiert, eine große Menge geschmuggelter Zigaretten erbeutet und gleich weiterverkauft hat, noch, dass mit diesem Überfall der Krieg zwischen der kriminellen Struktur um Mischa, Gorskys Schwager, und der brutalen Gruppe aus der Disco begonnen hat.

Begründung der Jury

Ein Mammutwerk von insgesamt fast 500 Minuten. Ein deutsches Mafiaepos mit eigener Handschrift, ein fiebrig-elektrisierendes Porträt des modernen Berlin, ein Film über Liebe und Tod, Freundschaft und Verrat, Schuld und Sühne: Dominik Grafs zehnteilige Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ stellt vieles in den Schatten, was es bisher an Fiktionalem im deutschen Fernsehen gegeben hat.

Zentrale Figur ist der Polizist Marek Gorsky, Sohn baltisch-jüdischer Einwanderer. Zusammen mit seinem Kollegen Sven Lottner erhält er die Chance, aus dem einförmigen Leben als Revierpolizist auszubrechen und beim LKA einzusteigen. Dabei gerät er mit seiner Schwester Stella in Konflikt, die mit dem Mafiaboss Mischa verheiratet ist. Mischa wiederum liegt im Clinch mit einem anderen russischen Mafiaclan. Hinzu kommt ein ungesühntes Verbrechen aus der Vergangenheit: der Mord an Mareks und Stellas Bruder Grischa.

Um diese Stränge herum haben Dominik Graf und sein Drehbuchautor Rolf Basedow ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk geschaffen. Das Buch überzeugt mit einer peniblen Recherche der einzelnen Milieus und ihrer Besonderheiten; die Regie glänzt mit furiosen Actionsequenzen und nimmt sich trotzdem Zeit für sorgfältige Schilderungen von Ritualen und Familienfeiern. Nahezu makellos ist die Komposition, die fließende Übergänge zwischen den einzelnen Handlungsebenen schafft und eingeführte Motive auch überraschend an anderer Stelle wieder aufnimmt. Die variable Kamera von Michael Wiesweg unterstützt den Reichtum an Stimmungen und Perspektiven. Mal ist sie mitten im Geschehen und zeigt Gewalt in Nahaufnahme, mal schmiegt sie sich über Umwege an die Protagonisten, mal schafft sie Tableaus des Schönen und des Schrecklichen. Ein enges Zusammenspiel geht die Kameraarbeit mit dem kongenialen Schnitt von Claudia Woltscht ein, der hektisch und nervös, aber auch ruhig und kaum spürbar sein kann. Sehr oft entstehen Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben.

„Im Angesicht des Verbrechens“ ist außerdem ein großartiger Schauspielerfilm. Max Riemelt spielt Gorsky mit einer sympathischen Jungenhaftigkeit, aber er kitzelt auch dunklere Seiten aus dem Charakter heraus. Ronald Zehrfeld gibt als Lottner den bärigen, stets loyalen Kollegen mit Ost-Berliner Schnauze. Hinreißend ist Marie Bäumer, die als Gangsterbraut Stella zwischen Stärke und Verletzlichkeit changiert, und Mišel Mati?evi? verkörpert als Mischa eine der tragischsten Figuren der Serie: ein Mensch, der so gerne ein Liebender sein möchte, aber aus dem Strudel der Gewalt nicht mehr herausfindet.

Dominik Graf hat ein Musterbeispiel des abgeschlossenen seriellen Erzählens vorgelegt. Dass wir es tatsächlich sehen durften, ist auch dem WDR-Redakteur Wolf-Dietrich Brücker zu verdanken, der – zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen beteiligten Anstalten – in der schwierigen Postproduktionsphase die Fertigstellung des Werks sicherte. Die Mühe und das herausragende Ergebnis hätten es gerechtfertigt, wenn die Serie auf einem der allerbesten Plätze im ARD-Programm gelaufen wäre.

 

 

 
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