46. Grimme-Preis 2010

Mörder auf Amrum (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Holger Karsten Schmidt (Buch)

Markus Imboden (Regie)

Hinnerk Schönemann (stellv. für das Darstellerteam)

Stab

Produktion: Bremedia, Claudia Schröder 

Buch: Holger Karsten Schmidt 

Regie: Markus Imboden 

Kamera: Peter von Haller 

Schnitt: Ursula Höf

Musik: Detlef Petersen 

Darsteller: Hinnerk Schönemann, Irina Potapenko, Barbara Rudnik, Hermann Beyer u.a. 

Redaktion: Gabriele Heuser 

Erstausstrahlung: Montag, 11.1.2010, 20.15 h 

Sendelänge: 89 Min.

Inhalt

Viel ist nicht los auf Amrum. Deshalb ist Polizist Helge Vogt auch zurückgekehrt auf die Nordseeinsel. Hier wird höchstens mal ein Huhn gestohlen oder ein Schweizer verirrt sich auf einer Wattwanderung. Doch Helge und sein Kollege Heinz bekommen alle Hände voll zu tun, als auf dem Revier eine verwundete BKA-Beamtin mit der jungen Moldawierin Mathilda auftaucht. Die soll als Zeugin gegen einen russischen Gangsterboss aussagen und wird bis zum Prozess auf Amrum versteckt. Weil es im BKA einen „Maulwurf“ gibt, ist die Aktion aufgeflogen. Die Beamtin stirbt, ein weiterer Kollege und die beiden Angreifer sind auch tot.

Latent überfordert versuchen nun Helge und Heinz Mathilda zu schützen, bis der einzige BKA-Beamte, dem sie vertrauen dürfen, die Insel erreicht. Doch der überlebt ebenso wenig wie Polizist Heinz, der den Mörder festnehmen will. Es beginnt ein Katz- und Maus-Spiel mit weiteren Bandenmitgliedern – weil über dem Meer ein Sturm wütet, ist Amrum vom Festland abgeschnitten. Helge stellt sich seine eigene kleine Einsatztruppe zusammen: den Bestatter Jörg, der wegen der großen Leichendichte gute Geschäfte wittert, den Rettungsschwimmer Sönke, der sein Bett mit einer 500-Euro-Gummipuppe teilt, die Wirtin Lona, die Helges große Liebe ist, und Carla, die tratschsüchtige Leiterin der Postfiliale. Am Ende hat Amrum sein Postgeheimnis zurück, Jörg macht ordentlich Umsatz und Mathilda kann vor Gericht aussagen.

Jurybegründung

Ein Dorfpolizist in Nöten. Eine junge Moldawierin soll in einem Mordprozess gegen das organisierte Verbrechen aussagen. Doch ihr Versteck auf Amrum ist aufgeflogen. Auch das Wetter spielt nicht mit. Die Fähre vom Festland bringt keine Rettung, sondern erhöht die Gefahr. Profi-Killer wollen ihre Arbeit tun.

Was dann zur Frage führt: Wann gab es schon einmal elf Leichen in einem 90-minütigen Fernsehfilm? In den Annalen des Adolf-Grimme-Preises dürfte man kaum fündig werden. „Mörder auf Amrum“ wurde deshalb von Fernsehkritikern auch mit Film-Grundlinien der Coen-Brüdern verglichen. Doch der Film von Holger Karsten Schmidt und Markus Imboden ist keineswegs einfach ein deutsches „Fargo“, trotz manch ähnlicher Tonlage und Konstellation: mit einer eindringlichen Mischung aus Brutalität, Situationskomik und Lakonie.

Heimatlich gefüllt werden diese stimmungsvollen Wechselbäder mit versoffenen Dörflern, skurrilen Alltagsgeschichten, mit Groteskem, Spannendem, mit lapidarem Umgangston, bis hin zu Loriotschen Verbalspitzen. Dieser Krimi ist wie jeder Genrefilm ein Spiel mit Möglichkeiten, und er bekennt sich dazu. Er lädt die Zuschauer zum Mitspielen ein – und tatsächlich haben über sieben Millionen dieses ungewöhnliche Angebot angenommen.

Das Herzstück dieser nordfriesisch schrägen Krimikomödie ist ihr Hauptdarsteller Hinnerk Schönemann. Sein Dorfpolizist ist keine große Leuchte. Er verschenkt Sanduhren an seine Liebste, weil er Amrum mag und den entspannten Rhythmus, den das Leben hier besitzt. Schönemann ist die ideale Besetzung, weil seine bisherigen Polizistenrollen auf den Polizeiwachtmeister Helge Vogt abfärben. So nuancenreich hat man ihn selten gesehen. Sein komisches Talent kann er zwischen den Regelbrüchen des Genres und dem ausgeruhten Erzähltempo, das sich gleich zu Beginn durch den leise ironisch eingespielten Reggae „I Shot The Sheriff“ abzeichnet, augenzwinkernd ausleben.

Wie sein Held Rio Bravo-like von einer Frau und einem alten Saufkopp Hilfe bekommt, so findet der Hauptdarsteller Unterstützung bei einem spielfreudigen Ensemble. Es ist diese Chemie zwischen den Akteuren, die Variation, die besondere Mixtur, die „Mörder auf Amrum“ zu einem Krimi-Kleinod machen. Dieser Film funktioniert wie ein Popsong, man kann und will ihn mehrmals sehen. Ein Stimmungsfilm. Ein Bauchfilm. Ein Film, der Laune macht.

 
Zurück