46. Grimme-Preis 2010

Inas Nacht (ARD/NDR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Ina Müller (Buch/Gastgeberin/Hauptdarstellerin)

Stab

Produktion: Beckground TV, Marcus Foag

Buch / Gastgeberin: Ina Müller

Regie: Axel Hahne

Schnitt: Frank Tschöke

Redaktion: Franziska Kischkat

Erstausstrahlung: 19.11./26.11.2009, Donnerstag, 0.00 h

Sendelänge: je 60 Min.

Inhalt

Diese Late-Night-Show wirkt wie der Abschluss einer durchzechten Nacht mit guten Freunden. Hier wird gequasselt, gelästert und gesungen… Passenderweise findet das alles in einer Kneipe statt – dem Schellfischposten im Hamburger Hafen. Die Kneipe ist so klein, dass außer Ina Müller, ihren Gästen, der Wirtin, die auch Frau Müller heißt, und der Band kaum noch Publikum hineinpasst. Deswegen steht der Shanty-Chor draußen vor dem offenen Fenster und quittiert die Scherze der Talkrunde mit spontanen Gesangseinlagen.

Bei „Inas Nacht“ ist Chaos Teil des Konzepts, aus dem sich sowohl die Gastgeberin wie auch die prominenten Talkgäste gerne mal bringen lassen. Wenn man erst mal so ins Plaudern gerät… Ina Müller fragt nach – direkt und schonungslos: Wie das für Annette Frier so ist, Sex mit einem alten Mann zu haben, warum Barbara Schöneberger für so was Ekliges wie Fleischsalat Werbung macht und ob die recht schlichten Witze von Hugo Egon Balder noch die Reste von früher sind? Manche Fragen hat sich Ina Müller auf einem Schmierblock notiert, andere werden von Publikum auf Bierdeckeln reingereicht. Auch kleine Zickereien gehören dazu: etwa wenn Michael Wendlers Mallorca-Einladung bei Ina Müller Abstoßreaktionen hervorruft oder ein sichtlich angetrunkener Tony Marshall einfach nervt. Aber zwischendurch siegt immer wieder die Harmonie, spätestens wenn Ina Müller ihre Gäste zu einem gemeinsamen Duett ans Mikro bittet…

Jurybegründung

Wenn Ina Müller in die Hafenkneipe „Zum Schellfischposten“ einlädt, dann ist das nicht unähnlich dem Erlebnis, wenn im Herbst der Sturm über Hamburg zieht. Dann pfeift und bläst es, zieht und zerrt an allem, was nicht niet- und nagelfest ist. Da ist man froh, ein warmes, trockenes Plätzchen zu haben, von dem aus man dem Toben und Treiben zuschauen kann. Kurz: Faszinierend ist es schon, was sich da abspielt am Hamburger Fischmarkt. Im Herbst und, unabhängig von den Jahreszeiten, im „Schellfischposten“.

Wie ein Naturschauspiel schaut man auch „Inas Nacht“ mit Staunen an. Und sieht eine Frau, die melancholische Töne ebenso anzuschlagen versteht, wie sie laut krachend für Stimmung sorgt. Wobei sie sich vornehmlich für Letzteres entscheidet – in überzeugender Manier. Inas Nacht“ ist ein überraschendes Format. Es braucht nicht mehr als eine Hafenkneipe, auf dessen Bänken gerade mal ein Dutzend Leute Platz finden, einen Shanty-Chor, eine kleine Band, den ein oder anderen mutigen Gast und eine Gastgeberin, die „Singen, Sabbeln und Saufen“ kann (Selbtsbeschreibung).

Prominente, die zu „Inas Nacht“ kommen, müssen sich auf einiges gefasst machen. Darauf, Singen und Tanzen zu müssen, in Spielzeug-Instrumente zu blasen oder auf dem Tresen Golf zu spielen. Auch darauf, ein Bier nach dem anderen zu kippen und in ein Gespräch verwickelt zu werden, in dessen Verlauf das offizielle Promi-Image zur Makulatur wird. Als wäre das nicht des Risikos zur Entblödung genug, müssen die Gäste auch noch den Alt-Herren-Shanty-Chor in Kauf nehmen, der auf der Straße stehend durchs offene Fenster sein Lied anstimmt, wenn ein Witz besonders gut war. Oder besonders schlecht.

Aber Ina Müller führt ihre Gäste aber nicht vor. Im Gegenteil. Sie nimmt sie mit in ihre Welt aus Musik und offenen Gedanken. Wenn sie mit ihnen singt oder in ihrer respektfreien, immer aber charmanten Art etwa Hugo-Egon Balder fragt: „Was war immer schlimmer: Hugo oder Egon?“, dann entstehen Momente der Spontaneität, die im Fernsehbusiness der PR-Absprachen selten geworden sind.

Mit ihrer Sendung zeigt Ina Müller, dass gekonnte Unterhaltung – Menschen eine schöne, unbeschwerte Zeit zu geben – weder eine Showtreppe braucht noch eine aufwendige Lichtregie. Mit dem einfachen Konzept, mit den Gästen etwas erleben zu wollen, stellt sie aufwendige Primetime-Shows in den Schatten und zeigt, worauf es bei Fernsehunterhaltung ankommt: Persönlichkeit. Hier auch auf das Risiko hin, am Ende wie vom Sturm zerzaust dazustehen.

 
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