46. Grimme-Preis 2010

Frau Böhm sagt nein (ARD/WDR)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Dorothee Schön (Buch)

Connie Walther (Regie)

Senta Berger und Lavinia Wilson (Darstellung)

Stab

Produktion: Zeitsprung Entertainment, Michael Souvignier, Mark Horyna 

Buch: Dorothee Schön 

Regie: Connie Walther 

Kamera: Peter Nix 

Schnitt: Sabine Brose 

Ton: Olav Gross 

Musik: Rainer Oleak 

Darsteller: Senta Berger, Lavinia Wilson, Johanna Gastdorf, Thomas Huber, Jürgen Haug u.a. 

Redaktion: Anke Krause 

Erstausstrahlung: Mittwoch, 21.10.2009, 20.15 h 

Sendelänge: 90Min

Inhalt

„Vorstand bedeutet Vorbild für Anstand!“ – Das hat der Firmengründer der Hewaro AG immer gesagt, aber das ist lange her und die Vorstandsposten haben andere besetzt. Derzeit ist das Dr. Hochfeld und der hat so einiges geändert, was nicht mehr in die Welt von Frau Böhm passt. Frau Böhm aber arrangiert sich und ist loyal. Fast 46 Jahre arbeitet sie im Unternehmen und ist zuständig für die Vorstandsbezüge. Sie selbst lebt wie sie arbeitet: korrekt und bescheiden. Obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten, freundet sich Frau Böhm mit ihrer jungen Kollegin Frau Engel an, einer Karrierefrau und allein erziehenden Mutter.

Frau Böhm erfährt, welches Netz aus Korruption, Erpressung und Gewinnsucht die Vorstandsetage durchzieht, doch sie schweigt. Die stetig expandierende Hewaro AG gerät schließlich in Schieflage und wird von einem australischen Konkurrenten geschluckt. Das Traditionsunternehmen ist von der eigenen Leitung in das sichere Aus getrieben worden – und nun wollen die Manager sich selbst dafür auch noch Prämien in Höhe von 80 Millionen Euro genehmigen, während die Belegschaft um die Arbeitsplätze fürchtet. Als Frau Böhm diese Prämien anweisen soll, sagt sie „Nein!“, auch wenn sie damit das Fortbestehen der Firma gefährdet, die ihr ganzer Lebensinhalt war. Der Fall wird am Ende die Gerichte beschäftigen, die ehemaligen Manager bleiben aber dennoch die Gewinner.

Jurybegründung

Eines Tages liest Rita Böhm einen Igel auf der Straße auf, pflegt ihn, nennt ihn Heinz Walter, nach ihrem einstigen Chef, dem Gründer der Hewaro AG. Der sagte Sätze wie „Vorstand bedeutet Vorbild für Anstand“ und war ganz alte Schule. Auch die Sachbearbeiterin Rita Böhm hat sich in einem Leben mit altmodischen Werten eingekapselt. Natürlich ist der Igel ein Sinnbild für diese Frau und diese längst vergangene Zeit. Dass es trotzdem weder plump noch lächerlich, sondern im Gegenteil sehr stimmig wirkt, wenn Frau Böhm ihrem kleinen Schützling seinen sprechenden Namen gibt, ist eines der vielen Wunder des Films.

Oder vielmehr: Einer der vielen Ausweise von dramaturgischem, inszenatorischem und schauspielerischem Können, die dieses Wirtschaftsdrama so überzeugend machen. In loser Anlehnung an die Mannesmann-Affäre erzählt der Film davon, wie eine kurz vor der Rente stehende Sekretärin zu rebellieren lernt. Als sich die Bosse im Zuge eines Übernahme-Manövers ein paar satte Prämien genehmigen, verweigert Frau Böhm die erwartete mechanische Dienstleistung. Und löst damit nicht nur ein enormes Medienecho und den Beifall der Kollegen aus, sondern auch einen beispiellosen Wirtschaftsprozess.

Aber der Film gerinnt nie zur Hagiographie: Diese Frau Böhm ist keine glatte Heldin, sondern eine durchaus widersprüchliche Figur, die lange Zeit das viel einfachere Schweigen dem Neinsagen vorzieht. Senta Berger, sonst eher mit Eleganz und Glamour assoziiert, gibt dieser grauen Vorzimmerdame eine umwerfend überzeugende Mimik und Gestik. Komplettierter Kontrapunkt ist die junge Vorstandssekretärin Ira Engel, nicht minder herausragend gespielt von Lavinia Wilson. Sie verkörpert all das, was die schönen neuen Arbeitswelten ausmacht – fehlende soziale Absicherung, das Hangeln vom einen befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten, Überqualifizierung, grenzenlose Flexibilität.

Auch in dieser Figur unterläuft der Film einfache und billige Gut-Böse-Zuschreibungen. Er bietet das differenzierte Porträt zweier gegensätzlicher Frauen und damit nicht zuletzt einen großen Schauspielerfilm – die Besetzung ist stimmig bis in kleine Nebenrollen, für die hier stellvertretend die Jungdarstellerin Stella Holzapfel als Ira Engels Tochter Pauline erwähnt sei. Vor allem aber gelingt das fast Unmögliche: hochkomplexe und aktuellste wirtschaftliche Vorgänge als spannendes Fernsehspiel zu erzählen – fern jeglicher Lehrbuchhaftigkeit.

 
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