46. Grimme-Preis 2010

Eisenfresser (BR/ARTE/rbb)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Shaheen Dill-Riaz (Buch/Regie/Kamera)

Stab

Produktion: Lemme Film, Kathrin Lemme, Michael Weihrauch 

Buch/Regie/Kamera: Shaheen Dill-Riaz 

Schnitt: Andreas Zitzmann 

Ton: Md. Abdus Satter 

Musik: Eckart Gadow 

Redaktion: Sonja Scheider (BR), Hubert von Spreti (BR), Jochen Kölsch (ARTE/BR), Anette Fleming (ARTE/rbb), Hannelore Wolff (ARTE/rbb) 

Erstausstrahlung: Dienstag, 5.5.2009, 21.00 h 

Sendelänge: 84 Min.

Inhalt

„Peace, Happiness and Prosperity“, kurz PHP, so heißt die Werft im Süden von Bangladesch. Friede, Glück und Wohlstand, das sei auch die Realität der Existenz, das Gefühl von jedem Einzelnen hier, sagt der Seniorchef der Werft vor der Kamera. Doch tatsächlich besteht die Wirklichkeit aus einem verworrenen System der Ausbeutung. Die PHP-Werft zerlegt ausgemusterte Tanker und Containerschiffe, die im Golf von Bengalen gestrandet werden. Die Abwrackindustrie hat sich zu einem wichtigen Faktor in der Wirtschaft des Landes entwickelt. Die Armut treibt immer wieder Tausende von Arbeitern aus dem Norden hierher, um in der Werft zu arbeiten. Im Gegensatz zu den Einheimischen bekommen sie die schwereren, gefährlicheren, weniger lukrativen Jobs.

Barfuss und mit bloßen Händen ziehen sie etwa die Schiffsriesen an Seilen an Land, zerlegen die Eisenungetüme teilweise unter Einsatz ihres Lebens und hausen in menschenunwürdigen Unterkünften. Die Werft arbeitet mit Subunternehmern und einem unüberschaubaren Geflecht aus Vorschüssen und Krediten. Hinzu kommen horrende Schulden, die die Arbeiter ansammeln, weil sie sich bei ortsansässigen Händlern versorgen müssen. Am Ende bleibt vielen nach harter, lebensgefährlicher Arbeit  kaum Geld für die Heimreise. Doch die nächste Hungersnot wird schon bald wieder Tausende voller Hoffnung in den Süden reisen lassen…

Jurybegründung

Shaheen Dill-Riaz hat offensichtlich nicht umsonst Kunstgeschichte und Kamera studiert: Die Eröffnungssequenzen seines Films erinnern an Ilja Repins „Wolgatreidler“ und natürlich an Fritz Langs „Metropolis“. Eine Totale von oben zeigt: gestaltlose Wesen, Arbeiter - wie bei Fritz Lang eine Art Arbeitsameisen – und ein gestrandetes, riesiges Schiff, dann, in der Dunkelheit, das Licht von vielen Schweißbrennern. Den Arbeitern, die unter rhythmischem Singsang ein Teil eines Schiffswracks an den Strand ziehen, gibt die Kamera dann Gestalt und Leben.

Es ist eine -- natürlich seine: des Autors, Regisseurs und Kameramanns in Personalunion -- „poetische Kamera“, die uns Zuschauern zum intensiven Hinsehen führt. Und damit auch einen genauen Blick ermöglicht auf die Konsequenzen unserer Wohlstandsgesellschaft, die ihre Problemfälle in andere Länder auslagert. Es tut weh und muss wohl auch weh tun, wenn wir sehen müssen, wie mit modernsten Technologien gebaute Schiffe nun mit den primitivsten Mitteln zu verwertbarem Schrott zerlegt werden. Und wenn ein Arbeiter sagt „Wir schuften wie die Tiere“, während er mit vielen anderen an einem Seil zieht, dann stellen sich manche Assoziationen ein, so wie Bilder von stoisch arbeitenden Wasserbüffeln.

Shaheen Dill-Riaz zeigt seine Sympathien für die ganz unten stehenden Landarbeiter, ohne die andere Seite -- die der kleinen Subunternehmer und der Werftbesitzer.-- zu denunzieren. So dass auch Ehrerbietungsrituale aufscheinen, so für den Boss der Werft, dessen Besitz den bezeichnenden Namen „Friede, Glück und Wohlstand“ trägt.

Und dann gibt es immer wieder diese archaischen Bilder von den auf den Strand stürzenden Schiffsteilen, von dieser Dekonstruktion stählerner Gebilde, die auf den ersten Blick für Handel und Fortschritt und Vorwärtskommen stehen.

Der Autorenkommentar macht uns unaufgeregt mit wichtigen Fakten vertraut, z.B. zur sozialen Situation der Landarbeiter oder auch zur Bedeutung des durch das Abwracken der Schiffe gewonnenen Eisens für die Bauwirtschaft in Bangladesch. Es sind aber eben die Bilder, die im Kopf bleiben und die uns deutlich machen, dass das Wort Wohlstandsmüll eine ziemlich brutale Verharmlosung dessen ist, was wir da den Menschen in Bangladesch (und anderswo, mit anderen Konstellationen und Bedingungen) zumuten.

 
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