46. Grimme-Preis 2010

Ein halbes Leben (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Nikolaus Leytner (Buch/Regie)

Franziska Walser, Josef Hader und Matthias Habich (Darstellung)

Stab

Produktion: allegrofilm, Helmut Grasser 

Buch/Regie: Nikolaus Leytner 

Kamera: Hermann Dunzendorfer 

Schnitt: Andreas Kopriva

Musik: Matthias Weber  

Darsteller: Josef Hader, Matthias Habich, Franziska Walser, Wolfgang Böck u.a. 

Redaktion: Martin R. Neumann (ZDF), Klaus Lintschinger (ORF) 

Erstausstrahlung: Montag, 18.5.2009, 20.15 h 

Sendelänge: 89 Min.

Inhalt

Das Verbrechen wird Täter wie Hinterbliebene für den Rest ihres Lebens prägen: 1986 wird eine 20jährige vergewaltigt und ermordet. Bis zur Aufklärung vergehen weitere 20 Jahre... Peter und Marianne Grabowski versuchen, nach dem Mord an ihrer Tochter Manuela in den Alltag zurückzufinden. Vor allem für Peter ist das eine kaum lösbare Aufgabe. Getrieben von seinem Schmerz, klammert er sich an jeden Strohhalm und hofft, dass etwa die neu entwickelte DNA-Analyse den Mörder irgendwann doch noch überführen kann – vergeblich.

Als er endlich loszulassen versucht, geschieht das Unglaubliche: Der Mörder seiner Tochter wird gefasst. Weil Ulrich Lenz zuvor schon wegen versuchter Vergewaltigung im Gefängnis war, hatte er Manuela damals in Panik ermordet – eine Schuld, an der er fast zerbrochen wäre, weil er mit niemandem reden konnte. Verzweifelt hatte der U-Bahn-Fahrer immer wieder versucht, sich ein normales Leben aufzubauen, doch seine Beziehungen gingen in die Brüche. Inzwischen lebt er allein mit seiner mittlerweile sieben Jahre alten Tochter. Kiki ist sein ganzer Lebensinhalt, doch nun muss er sich auch von ihr trennen. Als verurteilter Sexualstraftäter wird er routinemäßig zu einer Speichelprobe geladen. Es gelingt, ihn als Manuelas Mörder zu identifizieren. Im Gefängnis stehen sich die beiden Männer, deren Leben durch das schreckliche Verbrechen verbunden sind, zum ersten Mal gegenüber...

Jurybegründung

„Ein halbes Leben“ ist ein ruhiges, verstörendes Drama um Schuld und Sühne. Eine Frau wurde vergewaltigt und ermordet, die Tat wurde nicht aufgeklärt. Nikolaus Leytner, der für Buch und Regie verantwortlich zeichnet, zeigt den Mörder, der mit seiner Tat, seiner Schuld leben muss, und stellt ihm die Eltern des ermordeten Mädchens gegenüber, vor allem den Vater, der keine Ruhe findet, weil er seiner toten Tochter versprochen hat, dass er den Täter finden wird.

Josef Hader spielt den Vergewaltiger Ulrich Lenz als gebrochenen, stillen Mann, der Jahre nach der Tat zum liebevollen Vater wird. Es gelingt ihm, diese Figur, die gelegentlich noch immer zu plötzlichen Gewaltausbrüchen neigt, weder zu schönen noch zu verteufeln. Sein Gegenspieler ist Matthias Habich als Peter Grabwoski, der jahrelang nicht über den Tod der Tochter hinwegkommt. Als seine Frau sechs Jahre nach der Tat das Zimmer des Mädchens ausräumen lässt, fährt er voller Verzweiflung in das Lager, wo die Möbel stehen. Habich spielt Peter als Getriebenen, sich selbst entfremdet, ungeduldig, auch ungerecht, aber nie kraftlos

Hader und Habich tragen diesen Film, dieses verhaltene Duell zwischen zwei Männern, die sich suchen und nach einem halben Leben endlich auch finden. Er habe darauf gewartet, dass er endlich festgenommen werde, sagt Lenz zu Grabowski, als dieser ihn im Gefängnis besucht. Der hat nun die Sühne, die er immer wollte – aber um den Preis, dass er einem anderen kleinen Mädchen den Vater weggenommen hat.

Franziska Walser spielt Marianne, die stille, fast wortlose Frau von Peter, die nicht weniger leidet als er, sich aber dennoch mit dem Tod der Tochter abgefunden hat und vor allem darauf wartet, dass sich ihr Mann wieder dem Leben zuwendet. Ihre Figur erzählt von der Unfähigkeit, den Anderen im Leiden zu erreichen. Mit kleinen Gesten, die von einer fast unmenschlichen Beherrschung erzählen, gibt sie dieser Marianne eine ungeheure Präsenz.

Leytner macht es dem Zuschauer in diesem Drama nicht einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Er schafft es, von Anfang an mit diffizilen psychologischen Beobachtungen und Vorgängen Spannung aufzubauen, doch er bietet keine einfachen Lösungen an. Dieser Film ist ein Film voller Zwischentöne, der dem Zuschauer Zeit gibt, diese auch wahrzunehmen. Er handelt von Schuld, Verdrängung und Vergebung, von gebrochenen Versprechen, von Leiden und von einer Obsession, die schon pathologische Züge hat.

 
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