45. Grimme-Preis 2009

Wholetrain (ZDF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Florian Gaag (Buch/Regie)

Christian Rein (Kamera)

Kai Schröter (Schnitt)

Produktion: Goldkind Film, Megaherz Film und Fernsehen, Yeti Films, Aerodynamic Films

Stab

Produktion: Goldkind Film, Megaherz Film und Fernsehen, Yeti Films, Aerodynamic Films, Christoph Müller und Sven Burgemeister

Buch/Regie/Musik: Florian Gaag

Vocals: KRS-One, Freddie Foxxx, O.C., Afu-Ra, Planet Asia, Grand Agent, El Da Sensei, Tame One

Kamera: Christian Rein

Cuts: DJ Roger Rekless

Schnitt: Kai Schröter

Darsteller: Mike Adler, Florian Renner, Elyas M’Barek, Jacob Matschenz, Vincenzo Rosso u.a.

Redaktion: Christian Cloos

Erstausstrahlung: Montag, 6.10.2008, 0.25 Uhr

Sendelänge: 82 Min.

Inhaltsangabe

 Foto: ZDF/Pavel PrzestrzelskiEinmal einen „Wholetrain“ – davon träumen David, Tino und Elyas: Sie wollen eine komplette S-Bahn mit ihren Graffiti besprühen. Das würde ihnen Ruhm und Respekt bei einer konkurrierenden Sprayer-Crew verschaffen. Die jungen Männer leben in zwei Welten: In der einen kämpfen sie um ihre Sprayer-Ehre, brechen nachts in die S-Bahn-Depots ein und feiern ihre Erfolge am nächsten Tag auf den Bahnsteigen, wo sie sich treffen, um ihre vorbeirollenden Kunstwerke zu fotografieren. In der anderen Welt stecken sie bis zum Hals in Problemen: David wurde wegen wiederholter Sachbeschädigung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. 50.000 Euro Schaden gehen auf sein Konto. Und Tino sollte sich um seinen kleinen Sohn kümmern, überlässt die Verantwortung aber lieber seiner Ex-Freundin, während er gleichermaßen naiv und aufbrausend um seine Künstlerehre streitet. Mit Achim kommt ein „Bonzensohn“, wie Elyas kritisiert, aus bürgerlicher Familie in die Crew. Trotz anfänglicher Skepsis wollen die vier nun gemeinsam den „Wholetrain“ wagen – immer auf dem Sprung, um vor der Polizei zu fliehen. Seine letzte Flucht überlebt Tino nicht. Und David will die Sprayerkarriere eigentlich längst an den Nagel hängen, weil er durch die ständigen Polizeibefragungen immer mehr unter Druck gerät. Doch Tinos Tod vereint sogar die verfeindeten Crews, und am Ende rollt nicht nur ein „Wholetrain“ durch die Stadt ...

Begründung der Jury

„Wholetrain“ taucht ein in eine Subkultur. Ganz dicht werden die Zuschauer an das Leben einer Clique von jugendlichen Graffiti-Sprayern herangeführt, die nachts in den S-Bahn-Depots einer Metropole Zugwaggons besprühen. Der schier atemlose Film transportiert den nervösen Rhythmus dieses Lebens, mit vielen Handkamera-Sequenzen und wilden Schnitten.

Die große Kunst des Films besteht darin, die Faszinationskraft der gezeigten Gegenwelt zwar spürbar zu machen, ihr aber nicht distanzlos und affirmativ zu erliegen. Die nächtlichen Trips der Helden und ihre ständigen Auseinandersetzungen mit der Polizei werden immer wieder mit Szenen aus ihrem bürgerlichen Leben kontrastiert – ob es der Job im Döner-Laden ist, die mühsame Kinderbetreuung gemeinsam mit der Ex-Freundin oder das spießige Abendessen samt Klavierspiel bei den Eltern.

Was „Wholetrain“ dabei auszeichnet ist der völlige Verzicht auf simple sozialpsychologische Erklärungsmuster und auf pädagogische Zeigefinger. Im Laufe der Handlung kommt einer der Protagonisten auf tragische Weise zu Tode – der Film nimmt sich die Zeit, um die Trauer der Hinterbliebenen darzustellen. Da wird er plötzlich ganz still. Doch dann geht das Leben weiter, was für die Freunde vor allem ein Leben in der illegalen Graffiti-Welt bedeutet. Am Ende haben sie einen kompletten Zug – eben einen „Wholetrain – besprüht, der bunt funkelnd durch die Stadt fährt.

Drehbuchautor und Regisseur Florian Gaag, der früher selbst als Sprayer aktiv war, hat auch den Hip-Hop-Soundtrack zu seinem Spielfilmdebüt komponiert. Dadurch wirkt „Wholetrain“ – bereits auf den ersten Blick geprägt durch die intensive, stark agierende Kamera von Christian Rein und den stark akzentuierenden, seinem Gegenstand adäquaten Schnitt von Kai Schröter – wie aus einem Guss.

Die jungen Schauspieler tragen ebenfalls zur wuchtigen Authentizität des Films bei. Sie sprechen keine glatte Theatersprache, sondern bleiben im Slang ihrer Kultur, direkt und rüde. Hier wird keine künstliche Realität gezeigt, sondern ein echter Ausschnitt aus dem Untergrund des urbanen Lebens.

Der Philosoph Jean Baudrillard hat die Graffiti-Kunst als eine Störung der herkömmlichen Zeichenordnung in der Stadt interpretiert. „Wholetrain“ macht den Prozess dieser Störung erlebbar und fordert die Zuschauer damit heraus.

 
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