45. Grimme-Preis 2009

Teufelsbraten (ARD/WDR/NDR/ARTE)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Volker Einrauch (Buch)

Hermine Huntgeburth (Regie)

Ulrich Noethen, Anna Fischer (Hauptdarstellung)

Bettina Schmidt (Ausstattung/Szenenbild)

Produktion: Colonia Media

Stab

Produktion: Colonia Media; Produzent: Dr. Günter Rohrbach

Buch: Volker Einrauch

Regie: Hermine Huntgeburth

Kamera: Sebastian Edschmid

Musik: Biber Gullatz und Andreas Schäfer

Darsteller: Nina Siebertz (Hildegard I), Charlotte Steinhauer (Hildegard 2), Anna Fischer (Hildegard 3), Margarita Broich, Ulrich Noethen, Peter Franke, Barbara Nüsse, Ludger Pistor u.a.

Redaktion: Wolf-Dietrich Brücker (WDR)

Erstausstrahlung: Freitag, 7.3.2008, 21.00 Uhr (Teil 1) und 22.25 Uhr (Teil 2)

Sendelänge: je 89 Min.

Inhaltsangabe

Foto: WDR/Thomas KostDie Welt der kleinen Hildegard ist eng. Sie wächst in den Nachkriegsjahren in einer ärmlichen Arbeitersiedlung bei Köln auf. Der Vater ist ein schweigsamer, strenger Mann. Wie auch die Mutter ist er mit dem täglichen Kampf um die Existenz der Familie überfordert. Doch man fügt sich in das einfache Leben, der liebe Gott wird alles richten. Die katholische Kirche steht über allem. Allein der Großvater ist Hildegard ein Freund. Nur mit ihm kann das Kind reden, fühlt sich ernst genommen. Allen anderen ist sie ein Teufelsbraten, der aufsässig ist und sich nicht anpassen will, wofür sie oft Schläge kassiert. So geht die Großmutter auch davon aus, dass das Mädchen auf direktem Weg ins Fegefeuer ist. Dabei ist Hildegard ein begabtes Kind und entdeckt früh ihre Liebe zum Lesen. Das hat zwar den Vorteil, dass sie der Familie jetzt aus der Bibel vorlesen kann, aber als sie auf eine weiterführende Schule gehen soll, überwiegt erneut das Misstrauen. Die Mittelschule reicht, lässt sich der Vater auf einen Kompromiss ein, sie ist ja nur ein Mädchen. Hildegard findet sich nun zwischen zwei Welten wieder, denn die anderen Mädchen stammen aus höheren sozialen Schichten. Sie wird immer mehr zum Außenseiter, weil sie mit der Bildung der anderen mitzuhalten versucht und zu Hause gedemütigt wird, weil sie sich in den Augen der Familie für etwas Besseres hält. – Die literarische Vorlage für den Zweiteiler „Teufelsbraten“ ist der autobiografische Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn.

Begründung der Jury

Wenn Ulrich Noethen als einfacher Arbeiter wieder und wieder auf sein Fahrrad steigt, mit den Tücken des Rades kämpft, mit dem Wetter, dem Schlamm, und wenn sich dieses Bild durch die Jahre zieht und alle anderen ihn längst überholen, PS-stark und automobilisiert, dann erzählt dieser eine Strang ebenso beiläufig wie bravourös genau, wie die Zeiten waren und in ihnen die Menschen. Der Zweiteiler „Teufelsbraten“ nimmt sich die Zeit, Menschen und Zeitläufe zu erkunden, mit wacher Kraft, zartester Zuwendung und großem historischen Einfühlungsvermögen.

Es ist zunächst die Geschichte eines Kindes, dann eines Mädchens und schließlich einer jungen Frau, die sich nach Bildung sehnt, ehe sie weiß, was das ist, die aus ihrem bildungsfeindlichen Milieu ausbrechen will, ehe sie weiß, wie sehr diese Elternwelt sie gefangen nimmt. Der Fluss der Zeit, ein Abenteuer an sich, wird dabei sehr gekonnt dargestellt. Wenn im ersten Teil der Geschichte drei Darstellerinnen die Protagonistin und ihr Heranreifen verkörpern, dann geschieht das so elegant und überzeugend, wie man es selten gesehen hat.

Der atmosphärische und kulturelle Wandel von den späten 50er zu den 60er Jahren wird mit sicherem Gespür für Farben, Bilder und sprechende Szenen eingefangen, man fühlt sich im besten Sinne in eine Familiensaga und ihre Zeit entführt. Denn so sehr sich der Film im zweiten Teil auf die Protagonistin Hildegard konzentriert – Anna Fischer hat die vielgestaltige Kraft und das innere Leben, um uns diese Figur ganz fühlbar zu machen, uns weit Entferntes nah zu bringen –, so sehr ist er auch ein Ensemblefilm mit anrührenden Familienszenen.

Ulrich Noethen spielt diesen leidenden und zugleich Leid zufügenden, diesen groben und doch irgendwo zarten Vater mit härtester Präsenz. Peter Franke als Großvater bricht uns das Herz, und Margarita Broich als Mutter und Barbara Nüsse als Großmutter spielen so hingebungsvoll, dass man ihren lebendigen Atem zu spüren vermeint.

Ins Auge springt sofort das enorme Vermögen, Vergangenheit auferstehen zu lassen. Dieses kleine Wunder bewirken vor allem drei Menschen: Die Ausstatterin Bettina Schmidt lässt die Dinge das Vergangene erzählen; Volker Einrauch hat die literarische Vorlage verschlankt, manches verdeutlicht und dennoch das wahre Leben, das in Ulla Hahns Autobiografie steckt, geborgen; und schließlich hat Hermine Huntgeburth, eine der empfindsamsten Regisseurinnen, alles zum Leuchten und Klingen gebracht. Kurz und gut: Großes Fernsehen, ein epischer, mitreißender Strom.

 
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