45. Grimme-Preis 2009

Debüt im Ersten: Das wahre Leben (ARD/SWR/BR/SF)

 

Adolf-Grimme-Preis an

Matthias Pacht, Alexander Buresch (Buch)

Alain Gsponer (Regie)

Katja Riemann, Hannah Herzsprung (Hauptdarstellung)

Produktion: BurkertBareiss Development, TV60 Film, GFP Medienfonds, C-Films

Stab

Produktion: BurkertBareiss Development, TV60 Film, GFP Medienfonds, C-Films

Buch: Matthias Pacht, Alexander Buresch

Regie: Alain Gsponer

Kamera: Matthias Fleischer

Schnitt: Melanie Werwie

Musik: Marius Felix Lange

Darsteller: Ulrich Noethen, Katja Riemann, Hannah Herzsprung, Juliane Köhler, Alexander Held, Josef Mattes u.a.

Redaktion: Sabine Holtgreve (SWR), Claudia Simionescu (BR), Lilian Räber (SF)

Erstausstrahlung: Montag, 25.8.2008, 22.45 Uhr

Sendelänge: 100 Min.

Inhaltsangabe

Foto: SWR/TV60Film/Fabian RöslerDas Leben von Familie Spatz gleicht dem Zustand ihrer Wohnzimmerwand. Die hat Vater Roland herausgebrochen, um alles luftiger und schöner zu machen, aber nun liegt alles in Trümmern. Roland, der zwölf Jahre lang nur für seinen Job lebte, ist plötzlich arbeitslos, weil sein Konzern von einem Konkurrenten geschluckt wurde. Nun wirkt der einstige Macher zu Hause, was die ganze Familie irritiert. Schließlich hatte man jahrelang einvernehmlich aneinander vorbei gelebt. Roland bemüht sich plötzlich um seine Söhne: Charles, der gerade entdeckt, dass er auf Männer steht, und Linus, der sich in sich selbst zurückgezogen hat und in seinem Zimmer Bomben baut und damit die Gartenskulpturen der Nachbarn in die Luft jagt. Ehefrau Sybille führt derweil eine Kunstgalerie, die sie ebenso wie ihre Ehe mehr und mehr langweilt. Einen neuen Impuls gibt die Nachbarstochter Florina. Während Sybille von den Bildern des Mädchens fasziniert ist und sie schon als neuen Stern am Kunsthimmel sieht, ist Linus schwer verliebt. Florina jedoch will nach dem Tod ihres Bruders überhaupt keine Zukunftspläne schmieden. Wie ihre Eltern ist sie schwer traumatisiert. In ihrem Drang, sich selbst zu zerstören, reißt sie Linus, Sybille und Roland mit sich. Danach steht im Zuhause von Familie Spatz im wahren Sinne des Wortes kein Stein mehr auf dem anderen. Aber wie philosophiert Linus über die physikalischen Gesetze von Ordnung und Chaos: „Alles bleibt immer in Bewegung, und das ist eigentlich ein beruhigender Gedanke ...“

Begründung der JuryFoto: SWR/TV60Film/Fabian Rösler

Der Stoff, aus dem das Fernsehen mit seinen zahlreichen Familienfilmen Tragödien macht. Manchmal auch Komödien. Aber nur in den seltensten Fällen wird aus diesem Stoff eine so stilsicher inszenierte, mit Sarkasmus geschriebene und glänzend gespielte Tragikomödie wie diese: Ein Familienvater verliert von heute auf morgen seinen Job, und das zuvor schon kriselnde, höchst instabile Gefüge der Familie gerät nun gründlich aus den Fugen. Es eskaliert, bis es buchstäblich explodiert und der luxuriöse, geschmackvoll möblierte Vorstadt-Bungalow in die Luft geflogen ist. Vielleicht ein Neuanfang. Vielleicht folgt jetzt endlich das wahre Leben. Vielleicht auch nicht.

Krisenmanager war der Beruf des Vaters. Und das ist wunderbar ironisch ausgedacht. Denn vor den häuslichen Krisen versagt dieser Mann komplett und wird zum eigentlichen Krisenherd, weil er nun, mit sinnlosem Aktionismus, längst verlorenen Boden in der Familie zurückgewinnen will. Die Tragikomik eines Mannes, der mit dem Job Autorität und Selbstachtung zugleich verloren hat, der wie ein überflüssiges Möbelstück in der Familie herumsteht und auch so behandelt wird: Hier wird das alles mit sicherem Gespür für sämtliche Nuancen zwischen urkomischer Hilflosigkeit, beißendem Spott und bitter ernsten, zum Scheitern verurteilten Versuchen familiärer Krisenbewältigung ausbalanciert.

Und in der Krise stecken sie alle: Charles, der älteste Sohn, der als Soldat bei der Bundeswehr seine homosexuellen Neigungen entdeckt; Linus, sein pubertierender Bruder, der in seinem Zimmer ein heimlich angelegtes Chemielabor beherbergt und unentwegt kleine Bomben bastelt, mit denen er Briefkästen, Mülleimer, Skulpturen und schließlich – wenn auch unabsichtlich – den ganzen Bungalow in die Luft jagt; Florina, die psychisch labile, ziellos rebellische und künstlerisch begabte Nachbarstochter, von der fantastischen Hannah Herzsprung mit atemberaubender Überzeugungskraft als aggressiv sich selbst zerstörendes Mädchen gespielt. Und Sybille, die zutiefst frustrierte Ehefrau des Krisenmanagers, die ohne Enthusiasmus eine Kunstgalerie als Spielzeug ihrer Selbstverwirklichung betreibt: Ihr gibt Katja Riemann ein so knochentrocken zynisches Profil, dass es eine wahre Freude ist, ihrer brillanten Verkörperung dieses scharfzüngigen Frauencharakters zuzuschauen. In Katja Riemann und Hannah Herzsprung hat das so kluge wie bissige Porträt einer kommunikationsgestörten deutschen Mittelstandsfamilie zwei exzellente Protagonistinnen.

 
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